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Präambel

Wohl der Stadt, die Gott vor Augen hat...(1)
verheißt der Niggelturm den Bürgern (2) in der Reichsstadt seit dem 16. Jahrhundert. Doch von ihrer Verantwortung für die Stadt und das Umland entlastet sie dieses Versprechen nicht. Deshalb verpflichten sie sich zur Geschwisterlichkeit (3) unter allen Generationen und sozialen Gruppen, unter den Konfessionen, Religionen und Kulturen sowie auch mit den Ge-schöpfen der Natur.

Die Gengenbacher Bürger stellen sich gegen blinden Konsum, der Güter anhäuft, während Land und Natur ausgebeutet werden. Sie werben für einen maßvollen und damit modernen Lebensstil, der den Nachkommen die Früchte des Lebens nicht versagt. Folglich schätzen sie Vorhaben, die die Ressourcen schonen, deren Auswirkungen jenseits des eigenen Kirchturms bedacht sind und die mehr als nur bessere Effizienz (4) versprechen. Sie rühmen Vorhaben dann als nachhaltig (9) , wenn sie soziale, ökologische und ökonomische Ansprüche in gleicher Weise erfüllen.

Das Leitbild knüpft an einer Losung unserer Vorfahren mit dem historischen Prestige der Stadt an und reflektiert die Wendung von der Gesinnungs- zur Verantwortungsethik (5). Wir dürfen uns nicht allein darauf verlassen, "Gott wird es schon richten", – wir sind selbst in der Pflicht. Auch die Bürger (6) des 3. Jahrtausends berührt der geschichtliche Bezug, denn, "wer nicht weiß, woher er kommt, ist sich im Unklaren, wo er ist und ohne Ahnung, wohin er geht" (7). Schließlich umgibt uns Gengenbacher verschiedener Konfession, Religion und Kultur die gemeinsame Natur.

Erstrebenswert ist eine sozio-ökologische Demokratie, bei der die natürliche Umwelt erhalten bleibt, nicht nur, um den heutigen Bedarf zu decken, sondern auch um andere Lebensformen – bei Tier und Pflanze – zu achten, die gleichfalls ein Recht darauf haben, ihr eigenes Lebensprojekt zu verwirklichen' (8). Die Gengenbacher Bürger sehen darin ihre Verantwortung für Stadt und Umland. Sie wissen: Eine gesunde Umwelt ist ein Luxusgut, das weder importiert oder exportiert noch produziert werden kann, jedenfalls aber vererbt werden muss.

Die besonderen Ressourcen Gengenbachs sind seine Natur- und Kulturlandschaft, seine Bausubstanz, das Gewerbe und die Bürgerschaft. Die Sorge um diese Schätze ist be¬rechtigt, denn sie stehen nicht selten zueinander in Konkurrenz. Höherer Ertrag, besserer Wirkungsgrad und längere Nutzungsdauer unserer Güter bleiben so erstrebenswerte Ziele wie auch die Tugend der Sparsamkeit.

Da dies selten vollkommen gelingt, vereinbaren sie:
Die Auswirkungen auf Boden, Wasser, Luft und Fläche, auf die Wirtschaftskraft, die Kultur und die Gesellschaft bewertbar und öffentlich zu machen(10).

Die Bürger Gengenbachs bewahren die Stabilität ihres Gemeinwesens durch Respekt vor demokratischen Mehrheiten, Individualrechten, Wettbewerb, Solidarität und Ehrenamt. Sie reden und schreiben, beklagen und verteidigen nicht im Geheimen. Sie tragen Kontroversen und Konflikte offen aus, um einen möglichst breiten Konsens zu erreichen. Mehr- und Minderheiten sind sich gegenseitiger Achtung gewiss.
Jedoch es sind auch Quantensprünge notwendig, die zu Sinneswandel und zu Innovationen für die Nachhaltigkeit führen. Einen 'Siebten Sinn' ® (12) für die Schöpfung – nicht nur für die Straßen – den erfordert unsere Zeit.

Alle Bürger sind aufgerufen, sich an der Abwägung von Pro und Contra zu beteiligen. Wenn auch nach Mehrheitsentscheidungen Kontroversen fortbestehen, so gelten Befürworter und Gegner als gleichermaßen auf¬richtig, wenn sie die selben Aspekte – individuell mit unterschiedlichem Gewicht – in ihre Entscheidung einbezogen haben. Wechselseitigen Respekt bezeugen sie mit Fairness (13) und Diskussionskultur (14) .

Der gewaltenteilige demokratische Staat ist ein unschätzbares Erbe unserer Väter und Mütter. Also bleibt es den autorisierten Organen vorbehalten, politische Entscheidungen zu treffen. Die repräsentative Demokratie muss aber Vetternwirtschaft, Kartell und Parteienstaat entgegentreten (15) . Davor bewahren bestens Bürgerbeteiligung (16) , öffentliche Sitzungen und eine freie, verant¬wortungsvolle Presse.

Wettbewerb innerhalb des ethischen Rahmens der Nachhaltigkeit bewährt sich nicht nur auf ökonomischem, sondern auch auf ökologischem und kulturellem Gebiet. Deshalb müssen wir – die soziale zu einer nachhaltigen Marktwirtschaft fortentwickeln, – Umweltschutz zuerst bei uns selbst einfordern, und – kulturelle Vielfalt als Bereicherung unseres Lebens begreifen.

Deshalb sei der Wahlspruch der "Lokalen Agenda 21 Gengenbach" (11):

Wohl der Stadt, die Gott vor Augen und verantwortungsbewusste Bürger hat!


1 Inschrift an der Geschwister Scholl Schule, abgeleitet von
   "WOL DISER STAT DIE GOTT VOR AUGEN HAT UND AUF IN BAUT DIE WIRT NIMER MER BERAUBT ANNO 1582 IAR"
   Inschrift über Reichs- und Stadtwappen am Niggelturm, Gengenbach und historische Formel am Schwörtag

2 Bürgern beiderlei Geschlecht

3 Erklärung der Franziskaner bei der UNO, Rio de Janeiro 1992

4 E.U. von Weizsäcker, A. u. H. Lovins: "Faktor vier", München 1995

5 "…die Verantwortung stellt dem Menschen die Aufgabe, die Unversehrtheit seiner Welt und
     seines Wesens gegen die Übergriffe seiner Macht zu bewahren." Hans Jonas, Frankfurt/M 1979

6 beiderlei Geschlecht

7 Graffito

8 sinngemäß die Erklärung der Franziskaner bei der UNO, Rio 1992;
   2000 Ergänzung der Verfassung von Baden-Württemberg:
   "Tiere werden als Lebewesen und Mitgeschöpfe im Rahmen der
   verfassungsmäßigen Ordnung geachtet und geschützt."

9 Die Enquetekommission des Bundestages hat sich auf die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit
   geeinigt: die ökologische, die ökonomische und die soziale; ZEIT 9.7.98

10 Umweltplan Baden-Württemberg mit Zielsystem, Ministerium für Umwelt und Verkehr,
    Stuttgart, 2000

11 UN-Konferenz in Rio de Janeiro, 3./14. Juni 1992

12 Markenname der Deutschen Verkehrswacht e.V.

13 "ALLEN ZUR FREUD – KEINEM ZUM LEID" Leitwort der Narrenzunft Gengenbach e.V.

14 Diskussionskultur, Handzettel zum 1. Plenum der Lokalen Agenda Gengenbach

15 GG, Art. 20: "Alle Staatgewalt geht vom Volke aus.",
    Art. 21: "Die Parteien wirken an der politischen Willensbildung mit…"

16 Aus dem Jungbürgerbrief: "Mit Vollendung des 18. Lebensjahres haben Sie in Bezug auf die
    Gemeinde das Bürgerrecht erlangt. Sie übernehmen neben den erworbenen Rechten auch eine
    bedeutsame Verpflichtung. Mögen Sie sich dieser Verantwortung zum Wohle dieser Stadt,
    des Staates und eines geeinten und friedlichen Europas bewusst sein."