Stadt  >  Geschichte  >  Zustand des Kinzigtals
Zustand des Kinzigtals
Die Jahrhunderte nach der Römerzeit liegen für uns wieder im Dunkel der Geschichtslosigkeit. Das ist kein Zufall. So wenig in den Steinzeiten, in der Bronzezeit oder in der frühen Eisenzeit das Kinzigtal für die Menschen begehrenswert erschien, so wenig war dies auch nach der Römerzeit der Fall. Es standen bessere Siedlungsgebiete – und in genügender Menge – zur Verfügung. Aber was war nun der Grund für diese die Menschen so abweisende Eigenart der Landschaft? Denn in der Landschaft selbst mußte offenbar der Grund liegen.
Von Biberach bis Ortenberg ist die Talaue ungefähr gleich breit. Die Breite beträgt bei Biberach 1,4 km, bei Ohlsbach 1,7 km und verengt sich oberhalb Bitzfeld (Strohbach) auf weniger als 1 km. Das Tal ist also immer noch reichlich schmal, besonders wenn man bedenkt, daß die Kinzig von allen Schwarzwaldflüssen das größte Einzugsgebiet besitzt und demnach die reichlichste Wasserführung. Dabei ist das Gefälle auf dieser Strecke überraschend gering. Es beträgt durchschnittlich nur 1 m auf 1 km Tallänge. Daher floß gerade auf dieser Talstrecke der Fluß in zahllosen Windungen durch das gewundene Auengebiet. Aber das Bedenklichste war, daß die Kinzig auch der wildeste aller Schwarzwaldflüsse war, und dies machte ein so tausendfach gewundenes Flußbett ungemein gefährlich. Nach den großen Hochwässern gab es stets neue Durchbrüche, neue Zuschüttungen, neue Altwässer und neue Hauptrinnsale, und in der Vergangenheit waren Katastrophenwasser sehr zahlreich. Gerade das letzte Jahrhundert vor der Flußregulierung brachte Hochwässer, bei denen die ganze Talbreite von Berg zu Berg durch die tobenden Wassermassen ausgefüllt war. Am schlimmsten scheinen die Hochwässer von 1778 und 1825 gewesen zu sein. Grauenhafte Berichte von diesen und andern sind auf uns gekommen. Vielleicht aber sind sie in früheren Zeiten noch furchtbarer gewesen. Das sagt uns die Tatsache, daß allein bei der Katastrophe von 1430 in unserer Umgebung die Weiler Hetzental, Beiern und Brambach glatt weggespült wurden. Da half auch die beste menschliche Kunst nichts. Dann selbstverständlich bemühten sich die Menschen, das Gelände, zunächst bei den Siedlungen selbst, höher zu legen und durch kleine Dämme zu schützen. Alle solche Schutzmaßnahmen blieben ungenügendes Stückwerk bei den Katastrophenwassern. Nur die Gesamtkanalisation der Kinzig konnte helfen, die bei uns seit 1860 durchgeführt wurde und jetzt bis auf ein kleines Stück bei Willstätt fertig ist. Nicht nur der Hauptfluß, sondern auch die oft so unscheinbaren Nebenflüsse und –bäche waren bei den Hochwässern nicht wiederzuerkennen. 1778 waren zum Beispiel das Gutachtal und die anderen Seitentäler genau so tobende Seen wie das Kinzigtal selbst.
Gerade auf die Wasserverhältnisse mußten aber die Siedler in der Frühzeit ein besonderes Augenmerk haben, und damit stand es in unserem Kinzigtal äußerst beunruhigend. Das viel Wasser, die Sümpfe vor allen Dingen, machten zudem den Landstrich ungesund. Deshalb sind etwaige Siedlungswillige, weil sie für sich allein der Wucht und Verheerung des Elements machtlos gegenüberstanden, wieder in sichere Landesteile verzogen. Das Kinzigtal blieb eine menschleere Wasser- und Wildwuchswüste bis ins 8. Jahrhundert.