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Winterseite später besiedelt
Bei einem Allmendverkauf von 1314 sind erstmals die wenigen Namen der Bewohner des Strohbachs aufgeschrieben. Die Anwesenheit aller war notwendig, weil sie die Allmende von Beiern an den Lehensherrn, den Abt von Gengenbach, verkaufen wollten. Das klingt widersinnig. Was war geschehen? Die Kurienbezirke waren im allgemeinen völlig selbständig. Es gab aber auch Dinge, die mehrere gemeinsam angingen. Das war der Fall bei den großen Allmenden, bei den Waldnutzungen. So bildeten im 14. Jahrhundert die Bauernschaften von Dantersbach, Hetzental, Fußbach, Brambach, Beiern und Strohbach eine solche größere Einheit, die sie „eine Geburschaft und Gemeinde" nannten. Diese hatte eine größere Schuld aufgenommen in Straßburg und Gengenbach unter Verpfändung der Allmende. Aus dieser Schuld erwuchs ihnen „großer Schaden und Wucher alle Tage für arm und reich". Schließlich mußten sie das Pfandstück verkaufen, um die Schuld zu tilgen. In der Hand von Fremden wäre das Land ein Spekulationsobjekt geworden mit hochgetriebenem Pachtzins. Wie alle Allmenden, war auch diese ihren Vorfahren vom Kloster gegeben worden, dem immer noch das Obereigentum gehörte. Beim Verkauf an einen Fremden hätten sie zwei Drittel des Erlöses und den Zehnten an die Abtei zahlen müssen. Da war es schon vorteilhafter, daß die Geburschaft den Abt bat, selber die Allmende zu kaufen. Mit dem Kaufpreis wurde dann die Schuld bezahlt.
Diese Allmende war der Berghang an der Strohbacher Sommerhalde. Er wurde sodann als Rebberg angelegt, 80 Morgen. Die einzelnen Rebteile wurden an die Bewohner zur Bewirtschaftung verlehnt. Sie gaben als billige Pacht ein Fünftel des Mostertrages. Heute gibt es weit weniger Reben dort als in der Klosterzeit. Der Rest sind jetzt Bergäcker.
Hinter dieser Allmende lag der klösterliche Bärenwald, über den das Kloster einen eigenen Förster setzte. Seit Ende des 15. Jahrhunderts hatte das gerodete Land dort ungefähr den Umfang wie heute. Durch die Aufnahme der ganzen Ortschaft Beiern waren die Menschen zahlreicher geworden. Deswegen pachtete die Gemeinde 1489 vom Kloster den Bärenwald zu Erblehen mit dem Recht, in diesem Wald Rebstecken für die Sommerhalde zu schneiden.
Für die ehemalige Kurie auf dem Bitzfeld mußte natürlich Ersatz geschaffen werden. In dieser späteren Rodungszeit legte das Kloster weit hinten in den Tälern, mitten im Wald und auf weniger günstigem Gelände, Kurien als Mustergüter an. So entstand als neue Kurie der jetzt noch weit hinten im Tal vereinsamt liegende Strohhof, rings vom Bärenwald umgeben. Er war der Rechtsnachfolger des Freihofes Beiern.
1287 erfahren wir etwas von der Kurienrodung Fußbach. Ursprünglicher Name war Fußholzbach, 1314 Fueßelsbach, woraus durch Verkürzung Fußbach entstand. Er bedeutet: beim Bach mit Fußholz. Das waren Erlenbäume, die man zu Holzschuhen und für das Längenmaß Fuß verarbeitete. Hier legte die Abtei zum ersten Mal ihren Dinghof im hintersten Teil der damaligen Rodung an. Die hier erstehenden Höfe waren nicht reine Berghöfe, sondern es gehörten auch richtige Feldgewanne dazu. Diese Mischform wurde bei den Dinghofbezirken auf der Winterseite des Kinzigtals die Regel, sofern nicht ganz andere Siedlungsformen an deren Stelle traten.
Der Freihof im Fußbach war der heute noch stattliche Gehrenhof. Hinter ihm befand sich ein Klosterwald, der sich bis zum Rauhkasten (626 m) hinaufzog. Er heißt auch jetzt noch Abtswald. Vom Kloster war er nicht in fremde Nutzung gegeben worden, offenbar, weil ihn niemand wollte.
In der Tat ist sein Boden ein seltsames Stückchen Erde. Größtenteils ist er mit lockeren Gesteinstrümmern bedeckt ohne eine Spur von Erdreich oder Bodenkrume. Es geht die Sage, daß dort der Boden grundlos sei. Und wirklich haben die Bäume es schwer, dort anzuwurzeln. Ebenso merkwürdig ist das Gestein an sich. Nach seinem löcherigen Aussehen wird es „Leberstein" genannt und ist eine besonders dunkelfarbige Abart des Porphyr.
Der Abtswald wurde 1803 Staatswald und trägt trotz des ungründigen Bodens einen erstaunlich schönen Mischwald. Von den abteilichen Grenzsteinen sind zwar die großen Lachensteine noch vorhanden, jedoch wurden 1842/45 die Abtswappen weggemeißelt und dafür die badischen Staatswappen eingehauen.
Wenn wir von Strohbach über den Berggrat hinübergehen, kommen wir in das Bermersbachtal. Auch dieses gehörte zur klösterlichen Grundherrschaft. Eine Ro-dung entstand hier erst nach 1314. Aus der ältesten Namensform Beringersbach 1361 über Berngerbach 1400 entstand bis 1523 die heutige Form Bermersbach. Nachdem der wohl versuchsweise eingeführte Rebbau in Strohbach einen guten Fortgang genommen hatte, wurde auch in Bermersbach die Sommerseite gerodet und mit Reben angelegt.
Diese Siedlung wurde ein reines Winzerdorf. Zwar gab es schon eine Vorform dieser Siedlungsart auf der Sommerseite des Kinzigtals. Der Abtsberg war ja auch ein klösterlicher Rebhof, und die wenigen Hüttersbacher waren im Hauptberuf Winzer, im Winter Holzhauer. Die dortigen Erfahrungen wurden nun in Bermersbach verwertet. Der klösterliche Wirtschaftshof mit Kurieneigenschaft war kein gewöhnlicher Dinghof, sondern bekam die Verwaltungsbezeichnung „Rebhof im Bermersbach", auch „das Gut der Priorsberg" genannt. Dort war die Trotte für alle Winzer auf der Winterseite des Kinzigtals im Gengenbacher Gebiet. Den Hauptteil der Reben baute die Abtei selbst. Die Talwinzer mußten bei der Bewirtschaftung helfen. Neben dem geschlossenen Rebhofgut lagen noch Einzelrebstücke, die lehensweise den Winzern um die Hälfte des Mostertrages gegeben wurden. Die Düngung war streng vorgeschrieben. Dafür erhielten die Winzer den Dung vom Kloster sowie das Recht, die Rebstecken aus dem nahen Bärenwald zu schneiden. 1802 waren es noch 14 Morgen. Sie haben sich dort in kleinerem Umfang bis jetzt erhalten und liefern den bekannten, ausgezeichneten Bermersbacher.
Jenseits des Bermersbacher Rebbergs gelangt man in den Wingerbach. Hier entstand die späteste Rodung der Abtei (1587). In jener Zeit wurden die wenigen Höfe unter dem Namen Mürrenbach aufgeführt. Nach der Art der Rodungen auf der Winterseite erstand der Kurienhof im hintersten Mürrenbach. Er heißt der „Windeckerhof" bis auf den heutigen Tag. Dies ergab für den Bach den Namen Windeckerbach, woraus als Kurzform Wingerbach hervorging. Bedingt durch die Geländegestaltung herrschte im Wingerbach die Mischform von Tal-, Berg- und Reb¬hofwirtschaft. Der früher dort vorhandene Rebbau ist heute sehr gering.
Selbständig neben Gengenbach entwickelte sich der Weiler Brückenhäusern, eine späte Kleinsiedlung, links der Kinzig, aber unmittelbar hinter der Flußaue, 1524 schriftlich nachzuweisen. Erst nachdem dieses Gelände durch jahrhundertelange Aufschüttungen die nötige Voraussetzung bot, konnten hier überhaupt erst Häuser gebaut werden. Ganz nahe bei dieser Siedlung lag an und in der Kinzig die Floßbau- und Floßanlegestelle, ebenso auch die Zollstelle.