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Sonderfall Berghaupten
Entschieden verwickelter lagen die Dinge bei Berghaupten. Die Fläche der heutigen Gemarkung gehörte zu zwei verschiedenen Grundherrschaften, der nördliche Teil dem Kloster Schuttern, der südliche dem Kloster Gengenbach. Die Grenze ist nicht leicht anzugeben. Bellenwald und Bottenbacher Tal gehörten sicher zu Schuttern. Durch das eigentliche Berghauptener Tal muß die Grenze irgendwo hindurchgegangen sein. Von beiden Grundherren wurde gerodet und gesiedelt. Auf jedem der beiden Teile erwuchsen kleine Siedlungen und je eine Kapelle: St. Georg wurde von Schuttern, unserer lieben Frau zu den vier Stegen im Pfuhl von Gengenbach errichtet. Der Schutterer Bezirk war anfangs eine Außensiedlung der Markung Zunsweier, kirchlich eine Filiale der schutterischen Pfarrei Zunsweier, wurde aber zeitweise zum Beispiel von 1680 an von Gengenbach pastoriert. 1736 wurden dann beide Kirchenteile zu einer selbständigen Pfarrei vereinigt. Allerdings wurde die Pfarrkirche St. Georg erst 1750/52 erbaut; sie wurde verschiedene Male erweitert, der letzte Umbau stammt aus dem Jahre 1957. Schuttern war auch der Zehntherr.
Auf der kleinen Anhöhe südlich vom Berghauptener Tal erhob sich ein Burgstall. Es kann nur ein gengenbachischer Grafschaftsturm gewesen sein, auf gengenbachischem Boden mit einem klösterlichen Dienstmannengeschlecht. Ein Turm allein bildete keine Existenzgrundlage, sondern es war nachweislich stets ein Dinghof dabei, also ein grundherrlicher Bezirk, dessen Abgaben zusammen mit dem Geleitspfennig das Amtseinkommen der Burgstallbewohner ergaben. Eine Geleitsburg an diesem Punkt ist auffallend. Zur Zeit der Erbauung des Turmes muß daher die Kinzig weiter östlich als heute geflossen und am Fuß des Turmes die Hauptlandstraße des Kinzigtales vorbeigezogen sein. Nach einem abermaligen Wechsel des Kinziglaufs, und nachdem man die Talstraße wiederum auf die rechte Kinzigseite verlegt hatte, verschwand der Turm schon vor dem 13. Jahrhundert.
Auf unbekannte Weise gelang es den Geroldseckern, in Berghaupten Stücke der klösterlichen Herrschaftsrechte herauszubrechen. Den Rest ihrer Grundherrschaft in Berghaupten hat die Abtei vorsorglich bis 1798 in Eigenbau genommen und dadurch glücklich festgehalten, 23 Morgen Äcker, 9 Morgen Wiesen und 6 Morgen Reben. Dies war also immer noch der wertvollste Teil von Berghaupten. Dazu kam noch der Waidgang des Klosters auf dem sogenannten Großen Feld. 1798 hat die Gemeinde vom klösterlichen Besitz 20 Morgen Äcker und 3 Morgen Matten in Pacht genommen.
Der Sicherheit halber wählte die Abtei lehensrechtliche Sonderformen, um den Besitz geschlossen zusammenzuhalten. Seit 1504 gab es dort ein abteiliches Ambachtlehen; ein weiteres Mannlehen entstand dort 1630. 1574 erfahren wir auch etwas über eine „gefreite Büni" des Klosters, die also zum Dinghof gehörte.
Der abteiliche Dinghof wurde 1456 in das Jagdhaus Falkenweiher umgewandelt. Der Name verrät, daß diese umfangreiche bauliche Anlage rings von einem Weiher umgeben war. Darin war die Kapelle zu den vier Stegen. Es führte von allen vier Seiten ein Steg zu dem großen Gebäudekomplex. Später hören wir von seinem schlechten baulichen Zustand und von Ausbesserungsarbeiten. Ein Blitzschlag von 1556 hat dann die ganze Anlage samt der Kapelle vernichtet. Sie wurde nicht wieder aufgebaut und der abteiliche Besitz wurde danach von der Hub aus verwaltet. Dort wohnten auch zwei Wassermeier der Abtei für die Fischteiche und die Wiesenwässerung.
Die Landesherrschaft über Berghaupten war 1277 bei den Herren von Geroldseck, kam später an das Bistum Straßburg und wurde von diesem an verschiedene Herren verpfändet. Pfandinhaber war 1504 Pfalzgraf Philipp von Heidelberg, der von Kaiser Maximilian I. geächtet und im Kampf besiegt wurde. Die Pfandschaft wurde ihm genommen und mit aller Obrigkeit und Zugehörde der Reichsstadt Gengenbach übergeben. Indessen lösten die Geroldsecker selbst später die Pfandschaft wieder ein - zum Mißvergnügen der Bewohner.
Jakob von Geroldseck, der letzte seines Geschlechts, starb 1634. Sein Rechtsnachfolger wurde ein Graf von Cronenburg. Wie verwirrt die Rechtsbegriffe nach dem Dreißigjährigen Kriege waren, beleuchtet ein Kapitelsprotokoll von 1669: Die Geroldsecker belästigten früher das Kloster maßlos und beanspruchten in Berghaupten weitreichende Besitz- und Herrschaftsrechte. Sie verlangten den ganzen dortigen Klosterbesitz. Der Abt schloß deshalb mit Frau von Mercy, Witwe des bairischen Feldmarschalls Franz von Mercy, die damals das Berghauptener Tal als Lehen vom Straßburger Bischof besaß, einen Vertrag über die dortigen Klostergüter. Doch dauerte dieser Vertrag nicht lange, sondern wurde bedeutungslos. Denn schon nach einigen Jahren überfiel der Graf von Cronenburg, Herr auf Burg Geroldseck, das Tal Berghaupten, ließ die Bewohner durch Drohungen auf sich vereidigen, entfernte die Hoheitszeichen der Mercy und brachte dafür die seinigen an. Er behauptete, dieses Tal gehöre zur Burg Geroldseck und sei kein Lehen des Bischofs. So wurde die Familie von Mercy enteignet.
Dieser berühmte Kriegsoberführer stammte aus Lothringen und war seit etwa 1620 in Berghaupten beziehungsweise in Gengenbach ansässig. Sein Steinhaus mit Wirtschaftsgebäuden wurde zuerst „Hof" (1656), später „Mercyscher Hof" genannt. Die Familie bewirtschaftete unter anderem die Bühnd vor dem Obertor, die bis heute Mercysche Bühnd heißt. Alles war Klosterbesitz, wofür sie 1 Schilling 1 Pfennig zinsten. Frau Mandre und ihre zwei Söhne blieben auch nach dem Tode des Marschalls (1645) in Gengenbach, flüchteten allerdings in den Gefahrenzeiten nach Straßburg.
Die Ansprüche der Geroldsecker wurden vom kaiserlichen Reichshofrat abgewiesen. Inzwischen waren die Mercy (um 1685) von Gengenbach weggezogen, weil ihnen ihr Plan, in Berghaupten eine ritterschaftliche Standesherrschaft zu errichten, mißlungen war und sie mit dem brutalen Nachbarn nichts mehr zu tun haben wollten. Die Söhne gingen in den Dienst des Markgrafen Friedrich V. Magnus von Baden-Durlach. Dieser kaufte den Mercy 1694 ihre Rechte an die Vogtei Berghaupten ab. Durch Weiterverkauf kam dann 1699 Berghaupten an den Baron Ernst von und zu der Schleuß, aus Straßburger Patriziergeschlecht, der das Schlö߬chen Berghaupten zu einem Weiherschloß herrichtete und dort wohnte. Es blieb als ritterschaftliche Standesherrschaft bei dieser Familie bis zu deren Erlöschen just in der Zeit, wo alle ritterschaftlichen Besitzungen 1806 an Baden fielen.