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Schicksale der Reichsstadt
Im großen gesehen blühten Handel und Wandel bis um die Mitte des 15. Jahr-hunderts. Sie bildeten die Grundlage des Gengenbacher Wirtschaftslebens. Es war eine Zeit des behäbigen Wohlstandes in der Stadt. Als ein äußeres Zeichen dafür kann die Tatsache gelten, daß 1384 die kostspielige Stadtbefestigung nach den modernsten Grundsätzen erweitert und verbessert wurde. Gengenbach wurde damals eine gewichtige und sperrige Festung, von der noch Reste vorhanden sind. Noch waren auch die Bergwerke im Haiger in Betrieb, denn gerade der Gengenbacher Schultheiß Reinbolt von Duntzenheim entsagte 1391 allen Ansprüchen an die Wildbänne und Bergwerke.
Mit dem Wohlstand wächst aber oft auch der Übermut, die Überschätzung der eigenen Wichtigkeit. Wie leicht kommt es da zu Maßnahmen, die von andern als Herausforderung betrachtet werden konnten! So kam es in den neunziger Jahren des 14. Jahrhunderts zu verhängnisvollen Gegensätzlichkeiten mit der Stadt Straßburg. Diese war erst recht eine von ihrer Wichtigkeit und Macht durchdrungene „freie Stadt", die wesentlich eine Stadt des Handels war und deshalb alle handelspolitischen Maßnahmen im Bereich ihrer Handelswege aufmerksam verfolgte. Sie war stets bereit, zum Schutze ihrer handeltreibenden Bürger ihr Wort und ihre Macht energisch geltend zu machen. Eine so volkreiche Stadt war aber in vielen Dingen von ihrem weiteren Einflußgebiet, also auch von Gengenbach, empfindlich abhängig und konnte daher leicht wirtschaftlich störend getroffen werden. Ihre Handelsleute werden auch selbstbewußt genug aufgetreten sein. In dieser Zeit beschlossen die Gengenbacher Maßnahmen, durch die sich die Straßburger erheblich beschwert fühlten. Vielleicht war es eine Zollerhöhung oder sonst etwas dergleichen. Wir wissen darüber nichts Genaues. Doch wurden auch im hinteren Kinzigtal die Handelsabgaben erhöht, was vielleicht die Gengenbacher nachahmten. Es gab wohl ergebnislose Verhandlungen, aber schließlich zogen die Straßburger entschlossen vom Leder. 1395 wollten sie mit ihrem Heerbann unsere Stadt überrumpeln, wie der Straßburger Chronist erzählt. An der Aufmerksamkeit unserer Bürger scheiterte das Unternehmen. Die Straßburger waren daher gezwungen, die Stadt zu belagern, konnten sie aber nicht einnehmen, womit die neue Stadtbefestigung eine überzeugende Probe ihrer Brauchbarkeit ablegte. Statt dessen verbrannten die Feinde die ungeschützten Häuser vor den Stadtmauern, darunter auch das schon erwähnte Frauenklösterlein bei der Leutkirche, und dessen Brand griff auf die Pfarrkirche über. Dann zogen die Straßburger ab und zerstörten im hinteren Kinzigtal den Geleitsturm am Eingang zum Gutachtal bei Hausach. Nach der Wiederherstellung wurde die Leutkirche am 29. September 1396 wieder geweiht. Die Stadt mußte für den Wiederaufbau der zerstörten Teile Schulden aufnehmen, an deren Tilgung sogar die siebzehn klösterlichen Freiknechte, unbeschadet ihrer Vorrechte, mithelfen mußten.
Wir sind über diese Zeit nur wenig unterrichtet, so daß wir uns manches dazudenken müssen. Es stand wohl in Zusammenhang mit dem eben Erzählten, daß in der Stadt maßlose Zwistigkeiten auftraten. Bürger gegen Bürger, Bürger gegen Schultheiß und Rat. Es muß ein regelrechter Bürgerkrieg gewesen sein, der hemmungslos ausgetragen wurde. Nachdem alle Versöhnungsversuche ergebnislos geblieben waren, erklärte das königliche Hofgericht in Rottweil um 1400 Gengenbach in die Acht des Reiches. Dadurch wurde es rechtlos gegenüber dem Reich.
Pfandherr des Reiches war damals der Bischof von Straßburg, und deshalb saßen die Straßburger Räte nun zu Gericht, und ihr Richterspruch lautete: Die Gemeinde Gengenbach ist dem Bischof mit Leib und Gut verfallen. Das bedeutete ein unrühmliches Ende der Reichsstadtherrlichkeit: man war eine Stadt des Bischofs geworden. Dann allerdings - schon 1404 - begnadete der Bischof die Bürgerschaft gegen Zahlung einer Buße von 1100 Gulden. Der zweite Stättmeister des Jungen Rats wurde abgeschafft und der Einfluß der Zünfte beschnitten. Die Bürger mußten ferner von da an jährlich nach Weihnachten dem Rat Gehorsam schwören und die Trinkstuben abschaffen - vielleicht kann man daraus schon einen Teil der Ursachen entnehmen. Dies ist also die wenig erfreuliche Geburtsstunde des Schwörtags, der bis 1803 jedes Jahr gehalten wurde. Das gab natürlich für die unruhigen Gemüter eine verdutzte Ernüchterung. Freilich war damit noch immer nicht alles in Ordnung. Die Reichsacht blieb weiter bestehen, bis man sich endgültig überzeugt hatte, daß die Stadt wieder eine Zelle der Ordnung geworden war und genügend Sühne geleistet hatte. Erst 1435 entließ das Reichshofgericht unsere Stadt aus der Acht. Die ganze händelvolle Geschichte übte später zuweilen noch heilsame Fernwirkungen aus. Aufgeregte, unruhestiftende Gemüter gab es in Gengenbach immer wieder in großer Zahl, aber bevor man zum Beispiel dem Wort des Kaisers die Gefolgschaft versagte, erinnerte man sich noch rechtzeitig an die schlimmen Folgen von Aufruhr und Acht.
Die Streitlust der Bürgerschaft scheint sich im übrigen auch auf das Kloster und seinen Convent übertragen zu haben. Im Jahre 1453 hatte der Papst die Prälatur der Abtei dem Cardinal Wilhelm von Metz übertragen. Aber obwohl der Papst der Oberherr der Benediktinerklöster war, bestand der Convent auf seinem Wahlrecht und wählte Volzo von Neuneck zum neuen Abt (1454 bis 1461), worauf der Convent exkommuniziert wurde, was ähnliche Wirkungen hatte wie die Reichsacht für die Stadt. Zwar wurde nach dem Tode des Cardinals (1456) der Convent vom Bann befreit, aber die Gegensätzlichkeit zwischen Adeligen und Nichtadeligen flackerte von jetzt an immer wieder auf.
Schon ein paar Jahrzehnte vorher war es zum Streit im Convent gekommen. Damals, während die Stadt in der Reichsacht war, saß auf dem Abtsstuhl ein Gengenbacher Patriziersohn: Bertold V. Mangolt-Venser. Ihn hatte nur ein Teil des Convents gewählt, wohl um die Gengenbacher zu beruhigen, und gegen ihn führte sein Gegenkandidat, Andreas Widergrün, ein kleiner Adeliger aus Durbach, einen erfolglosen Prozeß in Rom.
Mitten in diesen Wirren hören wir aber auch von einem Entgegenkommen des Klosters gegenüber der Stadt: es verkaufte der Stadt seinen Fischweiher vor der Bruchhalde, nahe der städtischen Ziegelscheuer. An diese, die lange bestanden hat, erinnern heute die Flurnamen Ziegelfeld, Ziegelkopf und Ziegelwald, welch letzterer aber zur damaligen Zeit noch Wald Bruchhalden hieß.
Seit langem schon hatte Gengenbach auch eine Wallfahrtsstätte, nämlich die St. Jakobskapelle auf dem Kastelberg. So war schon der amtliche Name 1287 und 1294, wo wir erstmals von einer Altarweihe und einem Ablaß für die Besucher hören. Neue Ablässe gewährte 1384 der Bischof. Amtlicher Name ist immer noch: St. Jakobskapelle. Erst im 16. Jahrhundert taucht der Name Einbethenkapelle auf, als die Straßburger Mystiker der heiligen Einbeth, einer Gefährtin der heiligen Ursula, eine besondere Verehrung widmeten. Abt Konrad von Mülnheim, 1500 bis 1507, stammte ja aus Straßburg. Der Name Einbeth wurde als Perpetua ins Lateinische übertragen. Tatsächlich hatte der Altar in der St. Jakobskapelle als zweite Patronin die heilige Perpetua, 1294 erstmals genannt.
In diesem Zusammenhang möchten wir nicht unerwähnt lassen, daß seit dem 13. Jahrhundert auch in Gengenbach für das Straßburger Münster gesammelt wurde (erwähnt 1274). Oft aber herrschte auch Geldnot, und wenn die Stadt in Finanznöten war, dann war die Abtei in der gleichen Bedrängnis. Besonders drückend war die Zeit um 1400, wo das Kloster zur Geldbeschaffung eine ganze Reihe seiner ertragsreichsten Dinghöfe verpfänden mußte.
Aus dem 15. Jahrhundert ist noch als Abt erwähnenswert der Klosterministeriale Sigismund von Neuhausen (bei Zell a. H.), der 1463 die Abtei der Bursfelder Kongregation anschloß, um unabhängiger vom Bistum Straßburg zu werden. Bursfelden liegt in Westfalen.
Um die gleiche Zeit taucht die Familie von Wartenberg in Gengenbach auf. Wie sie vom Donautal nach hier kam, ist unbekannt, vielleicht waren sie Oberbeamte der klösterlichen Herrschaftsverwaltung. 1443 war Balthasar von Wartenberg Schultheiß von Gengenbach. Er hatte ein Steinhaus (schloßähnlich) am Kornmarkt (später Mercyscher Hof) und erwarb auch klösterliche Lehen in Berghaupten. Es glückte ihm und seinen Nachkommen allerdings nicht, sich dort eine freiadelige Standesherrschaft aufzubauen. Der letzte Wartenberger der Gengenbacher Linie hatte nur Töchter, so daß sein Name in Gengenbach erlosch.
Im Wirtschaftsleben breitete sich während des 15. Jahrhunderts im ganzen Abendland eine quälende Unsicherheit aus wegen der zahllosen Privatfehden der höheren Stände. In ihrem Gefolge schlichen immer wieder die Seuchen in die Häuser. Das Durchschnittslebensalter der Menschen blieb erschreckend niedrig. Bei Gengenbach waren es die vielen Altwässer der Kinzig, die malariaähnliches Fieber erzeugten und eine erhöhte Sterblichkeit verursachten. In einzelnen Teilen Deutschlands verödeten oft über die Hälfte aller Höfe und ebenso viele Häuser in den Städten. Im Gengenbacher Stadtgebiet waren es nur vereinzelte Häuser, die ohne Bewohner waren. Da es jedoch in jenen Tagen keine Zeitungen gab, waren die Gengenbacher geneigt zu glauben, daß dies nur bei ihnen so wäre, während es anderwärts noch weit schlimmer war. Jedenfalls konnten die Ratsherren die Ur-sachen der für sie unerklärlichen Erscheinungen nicht feststellen, und in ihrer Sorge versuchten sie zuweilen falsche Lösungen, die ihnen empfindliche Bußen einbrach¬ten und im Grunde nur ihre Ratlosigkeit offenbarten. So traten zu dem Spannungs¬feld zwischen den genossenschaftlichen Verbänden gegen den Rat noch „Spähne und Irrungen" zwischen dem Rat und der Abtei. Immer wieder versuchte der Rat Einbrüche in den verbrieften Rechtsbereich der Abtei. Vereinbarungen zwischen den beiden Teilen gab es 1424, 1432, 1460, 1480, 1484, 1488, 1494 und 1496, also auffallend viele, welche fast immer die gleichen Forderungen der Stadt betrafen.
Vor allem waren dem Rat die 17 bevorrechtigten Freiknechte, die in der Stadt wohnten und wohlhabend waren, ein ewiger Dorn im Auge. Infolge der Schirmpflicht mußte die Abtei für die Rechte ihrer Untergebenen eintreten. In den Abkommen erhielten die Stadtbewohner jeweils Vergünstigungen, dagegen blieb die Abtei beim Schultheißenamt und bei den 17 beziehungsweise 22 Freiknechten unnachgiebig. Einmal versuchte der Rat sogar, der Abtei den Lebensfaden abzuschneiden, indem er den Bürgern verbot, den Zehnten abzuliefern oder sich um die Zehntpacht bei der Abtei zu bewerben. Das Letztere war natürlich ein gewinnbringendes Geschäft. Aber die Abtei sollte auf die Knie gezwungen werden, um dann alle städtischen Wünsche widerspruchslos zu genehmigen. Allein hierbei geriet die Stadt zugleich in den Zuständigkeitsbereich des Bischofs, dem ein Viertel des Zehntertrages gehörte. Die Leute hatten aus Furcht vor dem Rat den Zehnten an die Stadt abgeliefert, und der Rat verkaufte ihn. Aber er zog den Kürzeren und mußte 1484 den Zehnten nachzahlen und obendrein noch eine empfindliche Sühne.
Doch wollen wir diesen Abschnitt mit einer freundlicheren Nachricht aus jener Zeit schließen. 1494 erfahren wir nämlich erstmals, daß die Gengenbacher auch eine Vergnügungswiese hatten. Sie gehörte der Abtei und stand von Michaeli bis Georgii der Bürgerschaft zur Verfügung. Das war die Schneckenmatte, wo ja auch heute noch Veranstaltungen stattfinden. Früher, als noch der Eisenbahndamm fehlte, war freilich der Platz größer. Es heißt 1494: die Gengenbacher haben dort ihre Ver-gnügungen mit Barlauf und andern Spielen gehabt.