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Die letzten hundert Jahre der Reichsabtei
Das „kriegerische 17. Jahrhundert" wurde abgelöst durch das „gesittete 18. Jahrhundert". Von 1713 an bis nach 1790 war für die Gengenbacher im wesentlichen eine friedliche Zeit. Von kriegerischen Unternehmungen merkten sie in ihrer Feste nur etwas durch vereinzelte kurzfristige Einquartierungen - oft war es das Hauptquartier - durchziehender Einheiten und besonders an den durch die Kriege nötig gewordenen Steuererhöhungen, zuweilen bis zum Dreifachen der normalen Steuern. Der Feldbau wurde nicht mehr gestört und brachte einen guten Ertrag. Nach 1700 wurden bei uns die ersten Kartoffeln feldmäßig angepflanzt und etwas später die Rüben als Zweitfrucht nach der Wintergerste.
Das außergewöhnlichste Jahr war 1719. Der Winter war stürmisch und regnerisch, aber fast ohne Kälte und Schnee. Unvermittelt wurde es Ende Februar hochsommerlich mit solcher Hitze und Trockenheit, daß bis zum Sommer fast kein Regen fiel. Fluß und Brunnen trockneten aus; viel Vieh kam um; alles reifte vorzeitig. Endlich im August stürzte das ersehnte Naß vom Himmel, was eine Weinernte von ungekannten Ausmaßen bescherte. Der „große Herbst" von 1709 hatte kaum halb soviel ergeben wie dieser. Weder die Weinkeller noch die Fässer reichten aus, um den Segen unterzubringen; man nahm alle nur erdenkbaren Gefäße. Im Kloster hatte man gerade einen neuen großen Weinkeller mit einem Riesenfaß gebaut. Trotzdem war der Kellermeister dieser Weinflut nicht gewachsen und traf auch nicht genügend Vorsorge. Als die Spitzenweine aus Weierbach, Käfersberg, Durbach und dem Ries gekeltert werden sollten, war kein Faß mehr frei, weil alle mit dem geringeren Wein gefüllt waren. Diese guten Tropfen mußten im Freien untergebracht werden, wo sie teilweise verdunsteten und ein Teil nachts gestohlen wurde. Um Platz zu scharfen, verschenkte er den Wein ohmweise. Das Fuder (= 24 Ohmen) verkaufte er für bloße 7,5 Gulden, so daß die Klosterschulden sogar vermehrt wurden. Noch die Kinder und Kindeskinder sprachen von diesem Wunderherbst.
Nach dem großen Krieg versuchte auch der Gengenbacher Rat die selbstherrliche Regierungsweise der Größeren nachzuahmen, um die Geschäfte zu vereinfachen und die Abgaben vollständig hereinzubringen. Eine gewisse Härte war allerdings notwendig, denn der städtische Haushalt mit den hohen Kriegsschulden mußte eisern wieder in Ordnung gebracht werden. Das war keine leichte Aufgabe für den Rat. Er war immer auf der Suche nach neuen Einnahmequellen und weiteren Zahlern. Da ein solches Vorgehen die Zahl der Unzufriedenen vermehrte, wurden alle Maßnahmen mildernd mit dem Wohl der Untertanen begründet. Wer sich allerdings von den vorausgeschickten goldenen Worten nicht bereden ließ, fühlte bald den harten Ernst der Angelegenheit. Und nicht nur gegen die eigenen Untertanen wurde diese Methode angewandt, sondern auch gegen die nachbarliche Abtei, was kostspielige Prozesse vor dem Reichskammergericht verursachte. Die Lebensfähigkeit der kleinen Reichsstände wurde immer geringer. Die Entwicklung drängte ge¬bieterisch auf großräumige Zusammenschlüsse. Noch 1770 schloß die Reichsstadt mit Frankreich einen Vertrag, weil dort die Erbschaften an Ausländer dem Staat zufielen. Gegen eine zehnprozentige Abgabe durften von jetzt an solche Erbschaften an die Gengenbacher ausgehändigt werden, wogegen die Stadt den Franzosen dasselbe Recht zubilligte.
Die Sicherheitsfrage erheischte reichsweit geplante Vorkehrungen. An sich hatte der Gengenbacher Raum keine größere strategische Bedeutung. Doch war zwischen Strohbach und Fußbach die engste Stelle des Untertals. Hier errichtete der Schwäbische Kreis 1697 eine Talsperre als erste Widerstandslinie. In der Talaue sind die Gräben nach 1815 wieder verschwunden. Dagegen sind von den Seitensicherungen die in gebrochener Linie geführten und mit kleinen Reduten (= bewohnbare Schanzen) verstärkten Schanzwerke am Berghang noch teilweise erhalten. Durch ähnliche Linienverschanzungen auf dem Berggrat wurde der Übergang von Schwaibach ins Nordrachtal gesichert, um eine feindliche Umgehung zu verhin¬dern. Am volkstümlichsten wurde die bei Bergach liegende Paulischanz, nach dem Kommandanten der Festungsbautruppen benannt.
Um das Wohl der Untertanen zu fördern, wollte man den Wohlstand durch Handel und Fabriken vergrößern. Mit dieser Idee errichtete Abt Augustin Müller eine Glashütte im Moosgebiet, weil dort das benötigte viele Holz in der Nähe war, und Abt Benedikt Rischer eine Blaufarbenfabrik. Daran beteiligten sich viele Gengenbacher. In den ersten Jahrzehnten rentierte sie sich gut. Nach dem Brand von 1789 wurde sie liquidiert. Neben diesen Großunternehmen faßte der Uhrenhandel Fuß. Der erste Uhrenmacher war ein Quintenz, der zugleich Uhrenhandel trieb.
Auch der Verkehr wurde rascher und bequemer. 1690 wurde Gengenbach durch eine reitende Post an den Thurn- und Taxisschen Postverkehr angeschlossen. Seit 1752 zog die Fahrpost Offenburg-Neckartal durch Gengenbach, seit 1760 außerdem die internationale Fahrpost Paris-Straßburg-Gengenbach-Villingen-Ulm. Der trompetenblasende Postillion („Schwager") wurde damals volkstümlich, und waren die viele Menschen wurden dadurch für die Schönheiten unserer anmutigen Landschaft aufgeschlossen. 1810 wurde die Post badisch. Die Gengenbacher Poststation war bis 1860 hinter dem Leutkircher Tor, das allerdings 1831 abgebrochen wurde.
Zuweilen wurde dieses Idyll durch Naturkatastrophen gestört: 1748 und 1778 durch unvorstellbare Hochwasser.
Die gesundheitliche Betreuung der Reichsbürger war früher stets in den Händen des Klosters, bis der reichsstädtische Rat 1740 einen eigenen studierten Stadtarzt und Apotheker berief: Physikus Dr. Mayer, dem 1746 der Gengenbacher Dr. Laible folgte. Sonst ließen sich die Gengenbacher von einem ihrer Barbierer verarzten, und noch lieber gingen die einfachen Leute ins billigere Kloster. Der Prior Anselm Vogel erregte damals Aufsehen durch seine elektrischen Kuren. Am Ende des Jahrhunderts gab es zwei selbständige Apotheken: die Klosterapotheke und die Stadtapotheke neben dem „Adler".
Im Jahr 1726 nahm der Pfarrer eine Volkszählung vor: Innerhalb des Mauerrings wohnten ohne die Klosterangehörigen 596 Seelen; mit Oberdorf, Brückenhäusern, Leutkircher Vorstadt und Binzmatt zusammen waren es etwas über 1100; in der ganzen Pfarrei 3500 Pfarrangehörige.
Am segensreichsten war es, daß die Abtei ihre Schulen auf eine bedeutende Höhe brachte. Der letzte Mathematikprofessor war P. Coelestin Quintenz aus einem hiesigen Zwölfer-Geschlecht, der Erfinder der Brückenwaage. Gerade die Schule machte Gegenbach in dieser Zeit zu einem vielbeachteten kulturellen Mittelpunkt. Eine stattliche Zahl junger Leute wurde hier zu hervorragenden Männern in Welt und Kirche ausgebildet, die dann wegen der Kleinheit der Stadt im größeren Vaterland einen entsprechenden Wirkungskreis suchten und zum guten Teil zu hohen Ehren gelangten. Aber dadurch verschwanden allmählich alle damals in Gengenbach führenden Familien aus unserer Stadt. Viele Männer des öffentlichen Lebens unserer Reichsstadt stellten die Dornblüth, die immer wieder Schultheiße, Zwölfer, Notare waren oder sonstige weltliche Berufe ausübten. In der Abtei gab es mehrere Dornblüth, von denen P. Augustinus lange Zeit Prior und Chronist war, der uns fesselnde Berichte hinterlassen hat. Um die Mitte des Jahrhunderts war Johann Siegebert Dornblüth der einflußreichste Mann im Städtchen. Er war nacheinander Stadtschreiber, Kanzleiverwalter, Zwölfer und Stättmeister, immer aber der maßgebende Mann. Seine Leidenschaft war, für alle, die irgendwie für die Stadt Dienste zu leisten hatten, genaue „Instruktionen" anzufertigen. Daß in der Berglekapelle Wunderheilungen stattgefunden haben, legte der Notar Hansjörg Dornblüth notariell fest (um 1700).
Ehrgeiziger, aber ebenso begabt waren die Bender, die sich in der Stadt und sonst eine einflußreiche Rolle sichern konnten. Mit der Abtei standen sie meist nicht auf gutem Fuß. Obgleich mehrere Bender das Kleid der Benediktiner nahmen, trat nur ein Anselm 1703 in Gengenbach selbst ein. Ein anderer wurde Hofkaplan des Kaisers Josef I. und stieg später zum Fürstabt von St. Blasien auf. Ein dritter Bender wurde Abt im Kloster Schuttern.
Es begann jetzt in Gengenbach die Zeit, wo die Frauen nach persönlichem Geschmack ihre Tracht hundertfältig abzuwandeln suchten, und natürlich gingen die Schneider gern auf die Kundenwünsche ein. Der Rat war mit dieser Entwicklung allerdings ganz und gar nicht einverstanden und regelte die Frauenmode durch „Polizei- oder Kleiderordnungen" (1716). Es wurden tatsächlich Strafen ausgesprochen, auch gegen die Schneider, die angewiesen wurden, alles wieder abzuändern.
Auch kunstvolle Steinhauer und Goldschmiede gab es damals. Von ihnen schuf 1719 Philipp Winterhalter die sieben heute noch stehenden Kreuzwegstationen am damaligen Aufgang zum Bergle. Die Gengenbacher konnten es auch wagen, 1780 bis 1783 ein neues Rathaus durch den aus Vorarlberg stammenden Baumeister und Ratsherrn Viktor Kretz bauen zu lassen. Außer seinen Bauten erinnert an ihn noch sein Grabstein auf dem Friedhof. Sein Rathausbau wurde ein Glanzstück weltlicher oberrheinischer Baukunst.
Zu Beginn des Jahrhunderts hatten sich die staatsrechtlich-politischen Verhältnisse für Gengenbach nicht ungünstig verändert. Um 1700 war der badische Markgraf Ludwig Wilhelm der mächtige Kriegsanführer am Oberrhein. Dieser erhielt 1701 vom Kaiser als fürstliche Belohnung die Landvogtei Ortenau samt der Schirmherrschaft über die drei Reichsstädte, sowie die Klostervogtei über die Abtei. Die Herrschaft der badenbadischen Markgrafen war wohltuend freundlicher als die der österreichischen Amtmänner. Stadt und Abtei standen mit der Rastatter Regierung in gutem Einvernehmen, besonders während der Regentenzeit der großen Markgräfin Franziska Sibylla Augusta 1707-1727. Die Äbte ließen junge Kräfte für ihre Verwaltung in der Residenz Rastatt ausbilden und bedienten sich auch sonst des Beistandes der Markgrafen, die ihre Pflicht als Schirmvögte ernst nahmen und immer hilfsbereit waren. So bekam die Abtei in einer finanziellen Notlage durch Gläubigeraustausch mit der Markgräfin die seit hundertfünfzig Jahren eingefrorene Ferdinandische Schuld 1725 zurückbezahlt. Deshalb wurde 1740 die Markgräfin bei ihrem Besuch in feierlichen Formen mit Böllersalut und dem Ehrengeleit der Gengenbacher Bürgergarde empfangen.
Da trat 1771 ein Ereignis ein, das den Rat und die Abtei mit grauer Sorge be-schwerte. Der letzte Badenbadener Markgraf starb ohne männliche Nachkommen. Die altbadischen Lande fielen an den Karlsruher Markgrafen Karl Friedrich, der zu gern auch die Ortenau, dieses Bindestück zwischen den nord- und südbadischen Landesteilen, mitübernommen hätte. Jedoch forderte Österreich die Ortenau als heimgefallenes Mannlehen zurück. Da Karlsruhe zur Besetzung der Ortenau schon Truppen bereit gestellt hatte, wurden unsere Vorfahren von banger Kriegsfurcht befallen. Doch kam es glücklicherweise nicht soweit, und am 26. November 1771 wurde die Rechtslage geklärt. Die Ortenau mußte an Österreich zurück. Im Chor der Friedhofskirche, der damaligen Pfarrkirche, wurden zwei ovale Ölbilder angebracht als Dank für die beseitigte Kriegsgefahr. Indessen konnte sich der Rat dabei nicht beruhigen. Das alte Mißtrauen gegen Österreich bekümmerte die Regenten der drei Städte, sodaß sie 1773 zum letztenmal das Dreistädtebündnis erneuerten. Schwere Differenzen mit der Schutzmacht gab es aber nicht mehr.