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Gründung der Stadt
Die bisherigen Ausführungen zeigten den Lebensrahmen unserer Vorfahren. Nicht immer waren die Zeiten friedlich, oft sogar hart, jahrelang hart zum Beispiel gegen Ende des 11. Jahrhunderts. Auch die früheren Kinzigtäler mußten mit unbekannten oder nur teilweise ergründbaren Faktoren ringen und aus Erfolg, halbem Erfolg oder gar Mißerfolg lernen und umlernen.
Eine Zeit starker wirtschaftlicher Wandlungen und großer Gegensätze war das 13. Jahrhundert als Wirkung der Kreuzzüge. Der Fernhandel wurde umfangreicher. Infolgedessen mußte das Netz der Fernstraßen ausgebaut, vergrößert sowie durch Vereinbarungen und Vorschriften gesichert werden. Durch die Bemühungen der Villinger und anderer, die großen Handel trieben und um gute Fernstraßen besorgt waren, mußte die Kinzigtalstraße im 13. Jahrhundert verbessert, gesichert und zu einem zeitgemäßen Verkehrsweg hergerichtet werden. Die Hauptverkehrslinie über den Schwarzwald änderte sich vor allem durch eine Verkürzung. Von Offenburg bis Hausach brauchte sie zwar nur verbessert zu werden, aber die bisherige Weiterführung über Schiltach nach Rottweil war für die großen Handelshäuser ein unerwünschter Umweg. Deshalb wurde sie jetzt von Hausach über Hornberg, Schwanenbachtal direkt nach Villingen geführt, von dort weiter nach Schaffhausen-Zürich oder Ravensburg-Augsburg. Diese ganze Fernhandelsstrecke wurde von den Staufern zur Königsstraße erklärt mit allen Vorschriften über die Unterhaltung und Sicherung einer solchen sowie mit den scharfen Strafbestimmungen - ein Zeichen für die Bedeutung der Kinziglinie.
Worin bestand nun die Sicherung? Die ältere war das Geleitsystem. Reste von Geleitsburgen, wo das Geleitspersonal wohnte, wurden in der abteilichen Grundherrschaft erkannt auf dem Geschwiegenstein, Waldstein, Weiler, Schnellingen, Bodemer und auf dem Berghauptener Burgstall. Das Geleit sicherte gegen fremde Gewalt und war Hilfe bei Pannen oder Verlust von Gespannen. Der Verkehr stieg inzwischen rapide an. Die großen deutschen Handelsgesellschaften verfrachteten ihre von Venedig oder Genua herangeführten Waren in zahllosen Wagenzügen, deren Ziel die städtischen Märkte im Rheingebiet waren, um später mit Tauschwaren und leeren Wagen den Weg wieder zurück zu machen. Aber da brauchte man Verpflegung, Übernachtungsgelegenheiten, Versorgung der Zug- und Reittiere, Pannenhilfe durch Schmiede, Sattler, Wagner. Die Straßenoberfläche und die Brücken mußten in fahrbarem Zustand erhalten werden, Schäden durch Hochwässer waren auszubessern. Dazu reichte die bäuerliche Bevölkerung nicht aus und sie hatte ja auch in der guten Jahreszeit gar keine Zeit für solcherlei Arbeiten. Deswegen entstanden rasch nacheinander im 13. Jahrhundert die heutigen Städtchen im Kinzigtal.
Sobald die Straße im Tal Königsstraße geworden war und der Handelsverkehr sich eingespielt hatte, wurde schon durch die sehr große Zahl der durchziehenden Fahrzeuge die Sicherheit genügend gewährleistet, so daß das sowieso mitfahrende Bedienungspersonal durch seine Bewaffnung völlig zur Sicherung ausreichte. Außerdem brauchte durch die erwähnte Anlage so vieler Städtchen in einer Entfernung von jeweils nur wenigen Kilometern das Geleit kaum mehr in Anspruch genommen zu werden. Dagegen stellte nun die Versorgung der Menschen, der Tiere und der Wagen Anforderungen, denen die Abtei nicht mehr gewachsen war. Dazu kam, daß auch die Abtei selbst als Mittelpunkt ihrer weiten Grundherrschaft und als Wallfahrtsort wachsenden Zulauf hatte. Zur gleichen Zeit hatte im Haiger der Bergbau begonnen.
Die Abtei entschloß sich deshalb zur Anlage einer Stadt.
Nun war ja schon etwas da, nämlich das Kloster. Als natürlicher Mittelpunkt der von ihm besiedelten Nachbarschaft hatte es schon so früh, daß wir die Anfangszeit nicht mehr bestimmen können, das Marktrecht erlangt. Das weltliche Klostergesinde und die Beamten wohnten auf der Westseite des Marktplatzes gegenüber dem Haupteingang zum Kloster. Diese Klosternebensiedlung war ein stadtähnliche, halbbäuerliche Häusergruppe.
Immer mehr legte sich zwangsläufig der Gedanke nahe, Gengenbach für seine vielfältigen Aufgaben als Stadt zu organisieren. Das ging nicht von heut auf morgen. Die Abtei hatte darin schon einige Erfahrung. Sie hatte zuvor schon das Städtchen Haslach gegründet. Die guten und schlechten Erfahrungen, die damit gemacht worden waren, verwertete man bei der neuen Stadtanlage und für deren rechtliche Formen.
Eine besondere rechtliche Sicherung war hier schon deshalb angebracht, weil hier die Zentrale der Grundherrschaft lag, die durch die mögliche Entwicklung eines städtischen Gemeinwesens nicht erdrückt werden sollte. Das war keine unberechtigte Sorge. Die Abtei löste die Schwierigkeiten dadurch, daß sie neben dem geschlossenen Abteibezirk noch einen zweiten selbständigen Verwaltungsbezirk schuf und beide doch wieder zu einer lockeren Einheit verband, wie sie auch die Ummauerung räumlich eine ungetrennte Einheit darstellen sollten.
Die Art der Bürgerstadt ist unregelmäßig wie selten in einem Städtchen, jedenfalls nicht im Kinzigraum. Sie hatte ursprünglich drei Teile. Den ältesten Kern bildete die Niederlassung des weltlichen Klostergesindes und der Beamten der Grundherrschaft gegenüber dem Klosterportal. Dort ist ja auch heute noch die klostereigene Behausung des letzten Oberschaffners Scheffel zu sehen. Davor ist ein kleiner Platz, der als der städtebauliche Mittelpunkt dieser älteren Nebensiedlung zu gelten hat. Hier wohnten auch später die Klosterbeamten, und die entsprechenden klostereigenen Häuser blieben auch in der Stadtzeit der Befehlsgewalt der Stadtbehörden entzogen.
An diesen Komplex wurde die Handwerkerschaft als zweiter geschlossener Siedlungskern angegliedert, und als ein dritter Teil des Ganzen war südlich der Kinzigtäler Landstraße eine kleine Händlerniederlassung mit Beherbergungsbetrieben im Entstehen begriffen. Sie war für die vielen Besucher, Pilger, Reisenden usw. bestimmt. Die beiden Herbergen dort waren schon alt, anschließend traten allmählich Händlerhäuser dazu. In diesem Viertel entstand auch das „Kornhaus“ oder „Kaufhaus“. Im Laufe der Zeit verwischte sich dann die Sonderart dieser Stadtteile.
Was mußte nun zu den vorhandenen Häusern hinzukommen, damit eine Stadt daraus wurde? Den Ansiedlungswilligen wurde der Boden für die Behausung und aus den Klosterwaldungen das Holz zum Hausbau ohne Bezahlung angewiesen. Dazu bekamen sie Steuerfreiheit für einige Jahre zum Aufbau einer Existenz, ferner eigene Verwaltung, Selbstverteidigung und Mitwirkung bei der Gerichtsbarkeit versprochen. Dies wurde nacheinander verwirklicht. Entgegen den sonst üblichen Zinsforderungen der Stadtherren brauchten die Gengenbacher Stadtbürger an die Abtei nie einen besonderen Hofstättenzins zu bezahlen, was noch ein weiterer Vorteil war. Trotzdem konnte davon eine mittelalterliche Stadt nicht leben. Die Gewerbetreibenden mußten einen Teil ihrer Nahrung selbst bauen, waren also lebensnotwendig auf Landwirtschaft angewiesen. Für diesen Zweck verlieh die Abtei der Bürgerschaft umfangreiche Allmenden an Ackerfeld, Wiesen und Wald aus ihrem Eigenbesitz, an denen sie sich ihrer eigenen Sicherheit halber das Obereigentumsrecht am Ganzen und die teilweise Mitbenutzung vorbehielt. Aber auch gegen Zins wurden Felder ausgeliehen. Die Zinse waren jedoch im Vergleich zu anderen Städten gering.
Für die Stadt mußte eine Markung festgelegt werden. Das war nicht ganz einfach, weil die im klösterlichen Nutzeigentum verbleibenden Gewanne nicht zur städtischen Markung zählten. Zur anfänglichen Gengenbacher Gemarkung wurden die Markung vom Oberdorf und „das alte Gut“ und dazu noch Abrundungsstücke aus der angrenzenden Nachbarschaft vereinigt. Die jetzt noch vorhandenen vier Etterkreuze am Wege nach Berghaupten, nach Schwaibach, an der Straße nach Offenburg beim Nepomukbrunnen und am Waldweg zur Binzmatt deuten den damaligen Umfang der Gemarkung an. Hier also wurde Klostergut nicht an Adlige verliehen, sondern an Klosterhörige, die sich im städtischen Leben eine eigene Existenz aufbauen sollten. Deswegen war der niedere Landschaftsadel über die klösterliche Stadtgründung sehr erbost, ließ 1233 das Kloster überfallen und das Archiv vernichten.
Aber unerschüttert blieb die Tatkraft, Zähigkeit, Ausdauer und der Weitblick des Abtes Gotfried, der das Werk der Stadtgründung trotz solcher Widerstände zum beschlossenen Ende führte. Auffallenderweise bezeichnen alle Gotfried-Äbte wichtige Stationen in der zeitgemäßen Sicherung der Existenzgrundlagen der Abtei. 1218 bekam unser dritter Gotfried den Abtsstab in die Hand. Vielleicht war er ein Gengenbacher Kind. Seine kraftvolle Persönlichkeit war auch den schlimmsten Lagen gewachsen. Von den Klosterinsassen wurde er mit besonderer Wärme „unser geliebter Vater und Abt“ genannt, und in jenen Jahren der Verwirrung standen alle hinter ihm. Er mußte seit 1220 einen langen Kampf um die dem Kloster entglittene Pfarrkirche durchfechten durch alle Instanzen. Es war eine Art finanzieller Vorbereitung auf die Stadtgründung, weil an der Pfarrkirche viele Stiftungen bestanden zugunsten der Pilger, Alten, Kranken und Durchreisenden. Diese waren der jungen Stadt besonders nötig.
Der Abt war sich klar darüber, daß das kleine Hinterland für sich allein nicht die Gründung einer Stadt rechtfertigte. Aber er hatte noch andere gewichtige Gründe dazu. Die Abtei lag ungefähr in der Mitte ihrer ausgedehnten Grundherrschaft. Sie war das Verwaltungszentrum dieses weiten Bereichs, dessen Hauptmasse im Kinzigtal und in der anschließenden Rheinebene lag. Nachdem nun noch der Bergbau dazugekommen und die Kinzigtalstraße zum Großhandelsweg geworden war, entstanden ganz neue Aufgaben, die weit über die Kräfte der Abtei hinausgingen. Eine größere Handwerkerschaft hatte sich zuvor schon zusammengefunden. Sie brauchte einen Markt und Sicherheit, wenn die Meister nicht an sicherere Plätze davonlaufen sollten. Die Vorsehung gab ihm eine lange Amtszeit als Abt von 1218 bis 1237, die ihm genügend Zeit ließ, die Gründung hinreichend ausreifen zu lassen. Das unabweisbare Bedürfnis der schutzlosen Abtei nach größerer Sicherheit für sich und die Nachbarschaft konnte ihn nur in seiner Absicht bestärken.
Im Zug der Adelsunruhen wurde der Abt Gotfried sogar abgesetzt. Ungebrochen vertrat er seine Sache in Rom, wurde ehrenvoll wieder in sein Amt eingesetzt und freudig aufgenommen. Nach dem Verlust des Urkundenbestandes suchte er alsbald das Stift zu sichern und vor dauerndem Schaden zu bewahren. Vom Bamberger Oberlehensherrn und von der päpstlichen Kanzlei bekam er Besitzbestätigungen und neue Schutzurkunden. Als er am 25. Juni 1237 starb, hatte er das in seinem rechtlichen Bestand schwer gefährdete Kloster in ruhigere Zeiten hinübergerettet und die neugegründete Stadt Gengenbach schon einigermaßen gefestigt. Die vollständige Ausbildung der Stadtverfassung vollzog sich dann in der Zeit nach seinem Hinscheiden.
Die Selbstverwaltung wuchs aus den kleinen Diensten der Gemeinschaft heraus. Verordnungen wurden bei der anfänglichen Kleinheit von der Gesamtbürgerschaft erlassen. Mit der Zeit übte ein engerer Ausschuß diese Tätigkeit aus, die Geschworenen, aus denen der Rat entstand. Oberste Instanz war anfangs der Klosterrichter, der später als Schultheiß noch weitere Tätigkeiten übertragen bekam. 1233 gab es noch keinen Schultheiß, nur den Richter. Die Stadt steckte noch in den Anfängen. Um 1300 ist die städtische Verfassung und das Verwaltungsleben wie bei andern Städten ausgebildet. 1309 werden erstmals ausdrücklich erwähnt: Schultheiß und Rat.
Abt Gotfried erlebte die Einsetzung des ersten Schultheißen nicht mehr. Er wurde von seinem Nachfolger, Abt Walther III., im Jahre 1240 eingesetzt, und damit war die Entwicklung der Stadtverfassung vorläufig abgeschlossen. Dieser erste Schultheiß stammte aus dem alten klösterlichen Dienstmannengeschlecht von Sneyt, das ein Zweig der Familie von Swaibach war, sein Name war Reimbold von Sneyt. Er saß zuerst auf einem größeren Klosterlehen in Weierbach, das er 1248 mit einem andern in Freudental vertauschte. Bis 1263 können wir seine Tätigkeit verfolgen. Danach scheint er gestorben zu sein. 1264 wird sein Sohn Johann als Schultheiß genannt.
Der Gengenbacher Schultheiß hatte eine schwierige Doppelstellung. Er war einerseits der Oberbeamte des Abtes (der ja der Stadtherr war), andererseits der Oberbeamte der Stadt, also ein Mann, der in seiner Person die Schicksalsgemeinschaft der beiden an sich getrennten und völlig selbständigen Gemeinschaften verkörperte. Das Amt war anfangs nur den Adeligen vorbehalten, später wurde es mit Vorliebe studierten Juristen übertragen, vereinzelt auch Patriziern. Es war ein klösterliches Ambachtlehen, für das die hohe Lehensgebühr von 100 Gulden zu entrichten war. Trotzdem wurde dieses Amt sehr gesucht, nicht allein der Ehre wegen, sondern auch wegen des hohen Einkommens. Außerdem setzte der Abt noch den Oberboten, den Wassermeier über die Kinzig, den Zinsmeister, den Bannwart und den Mesner ein. Diese sogenannten Fünfschätzer waren leitende Beamte, die Rügungs- und Polizeibefugnisse hatten und daher besondere Vorrechte vor den andern Bürgern besaßen. Verwaltungs- und steuerrechtlich waren sie den Ratsherren gleichgestellt: sie waren frei von Abgaben und Dienstleistungen. Solche Familien bildeten das ältere Patriziat der Stadt.
Die ganze Häusermasse der bürgerlichen Stadt mußte zu festerem Schutz und größerer Sicherheit mit einer Mauer sowie mit Wall und Graben umgeben werden. Von einer Mauer ist urkundlich schon früh die Rede: „die Martinskirche außerhalb der Stadtmauern", 1287. Ähnlich 1344. Die spätere kompliziertere Ringmaueranlage wurde zufolge einer Inschrift in der Mauer beim Prälatenturm 1384 errichtet oder doch vollendet. Dadurch wurde die ganze Anlage kräftig verstärkt und ausgebaut mit allen Erfordernissen der neuesten Festungsbaukunst.
Eine solche Ringanlage erheischte eine besondere Organisation des Ordnungsdienstes und der Verteidigung. So zeichnet sich jetzt Aufgabe um Aufgabe ab. Dazu gehörte zum Beispiel die Ordnung des Aufgebots, das notwendig war als Vorsorge und Hilfe bei Feuersgefahr, als Hilfe für etwa verfolgte Bürger und bei Bedrohung durch äußere Feinde. Das mußte den Bewohnern selbst übergeben werden. Sammelplatz wurde der Marktplatz, der von beiden Teilen benutzt wurde. Ein Teil dieses Aufgebots war die sogenannte Bürgergarde. Nicht nur in der Sicherheitsfrage, sondern überhaupt in fast allen bürgerlichen Angelegenheiten bekamen die Stadtbürger das Recht und die Pflicht der Selbstverwaltung, zum Beispiel den polizeilichen Ordnungsdienst, das Steuerrecht, das Recht, Dienste von jedem Bürger zu verlangen usw. Eigenes Marktrecht, das sonst allenthalben ein Grunderfordernis für die Erhebung zur Stadt war, bekam Gengenbach nicht. Ein Wochenmarkt und Jahrmärkte waren zwar vorhanden, das Marktrecht jedoch und der Marktplatz gehörten der Abtei. Die Märkte wurden für die Bedürfnisse beider Verwaltungseinheiten abgehalten.
Man ist geneigt anzunehmen, daß die Grenze zwischen klostereigenem Bezirk und der eigentlichen Stadt hinter dem jetzigen Rathaus und hinter der Reihe der an das Rathaus anschließenden Häuser verlief, wo sich in der Tat früher eine Mauer erhob. Doch das ist ein Irrtum. Zum klostereigenen Bezirk gehörte nicht nur der Platz, wo die genannte Häuserzeile heute steht, sondern auch die gesamte Fläche des Marktplatzes sowie jenseits des Platzes entweder die vordere Häuserzeile oder doch wenigstens ein großer Teil der dort den Marktplatz begrenzenden Häuser, sicherlich aber die Häusergruppe gegenüber der Klosterausfahrt. Ganz genaue Angaben darüber sind schwer zu machen. Es ist möglich, daß lange Zeit in diesem Teil überhaupt keine feste Abgrenzung der beiden Verwaltungsteile festgelegt war und später als Grenze die Trennlinie zwischen dem abteilichen Nutzbesitz und den übrigen Häusern angenommen wurde. Es ist sicher nachweisbar, daß da, wo heute die Häuser rechts und links vom Rathaus stehen, bis um 1700 keine Gebäude standen.
Für die neugegründete Stadt brachte der Wechsel der Zeiten immer wieder auch Unruhen, Sorgen, Wassernöte, innerstädtische Erregungen und Mißhelligkeiten und was dergleichen sich überall wiederholende Vorgänge waren. Nennen wir einmal die wichtigsten der nächsten Zeit.
Durch seine Verfassung gehörte Gengenbach dem Freiburger Rechtskreis an und hatte von dort nötigenfalls seine Rechtsbelehrungen zu holen. Indessen wurde in dem Friedensvertrag zwischen dem Bischof Heinrich IV. und der Stadt Straßburg 1263 bestimmt: Das Straßburger Stadtgericht wird Oberhof für die Städte und Dörfer des Bistums. Dazu rechnete auch Gengenbach. Es sind in der Tat keine Unterlagen vorhanden, daß Gengenbach jemals den Freiburger Oberhof in Rechtsangelegenheiten befragte. Der Mittelpunkt der Ortenau war Straßburg, das in vielen Dingen auf Lieferungen aus der Landschaft angewiesen war. Zwischen Gengenbach und Straßburg bestanden zu allen Zeiten familienmaßige und vielseitige geschäftliche Verbindungen. Es wurden zuweilen gegenseitig auch Schulden gemacht oder Geld geliehen. So zahlte 1273 die Stadt Straßburg eine Schuld von 30 Schilling und 40 Pfund Pfennigen zurück.
Ebenfalls in die Rechtsgeschichte gehört eine damals getroffene Anordnung, die sicher in viele privaten Angelegenheiten entscheidend eingriff. In Gengenbach hatten nur männliche Erben ein Erbrecht, weibliche Personen nicht. Das war altes Herkommen, dessen Herkunft wir nicht kennen. Erbrechtsfragen gehörten in den Grundsatzfragen zur Zuständigkeit des Hochgerichtsherrn, in Einzelfragen zur äbtlichen Grundherrschaft. 1267 wurde mit Zustimmung des Abtes und nach dem Willen des Schultheißen und der Bürger zu Gengenbach verfügt, daß künftig die Nachkommenschaft beiderlei Geschlechts zur Erbfolge an beweglichen und liegenden Gütern berechtigt sein sollte. Die Zustimmung dazu mag den erbgewohnten Männern sauer genug gefallen sein.
Ein schwieriges, nicht geklärtes Kapitel der deutschen Geschichte sind die näheren Umstände, die 1296 zu kriegerischen Unternehmungen des Königs Adolf gegen etliche Herren zu beiden Seiten des Rheins führten. Der Landvogt des Königs auf Schloß Ortenberg führte das Aufgebot der Ortenau. Darunter waren die Bürger von Offenburg und Gengenbach und sonstige Königsleute. Es war eine Zeit der Verwüstung und Schädigung durch die Gegner des Königs, von denen der leidenschaftlichste in unserer Gegend Johannes von Bärenbach war. Nach seiner Niederlage mußte er 1297 mit den Ortenauer Städten einen Sühnevertrag schließen, worin er versprach, den angerichteten Schaden zu ersetzen. Als Ausgleich für den Schaden, den die Abtei Gengenbach in diesen Wirren auf seinen Kurien erlitten hatte, erhob der König 15 Kurien zu Freihöfen, von denen schon die Rede war.
Für die Ortenau bestand eine Reichsmünze in Offenburg. Der erste Reichslandvogt der Ortenau, Graf Johann von Saarwerden, verkaufte sie 1309 mit Zustimmung der Städte Offenburg und Gengenbach für sechs Jahre an die Stadt Straßburg um 22 Mark Silber. Es ist nicht mehr erkenntlich, warum die Gengenbacher so sehr auf das Verschwinden dieser Münze drängten. Jedenfalls versprachen sie dabei sogar, den Straßburgern eine Entschädigung zu bezahlen, wenn der König diesen Verkauf nicht erlauben würde. Aber er muß seine Zustimmung doch gegeben haben, denn die Straßburger haben die Werkstatt in Offenburg schleunigst abgebaut und nach Straßburg geschafft. Jetzt waren die Straßburger ihre Konkurrenz los. Nie mehr hören wir etwas von dieser Münze, obgleich der Vertrag nur auf sechs Jahre abgemacht war. Das Straßburger Geld war auch im Kinzigtal die gangbare Währung.
Schon hundert Jahre nach dem Entstehen machte das Schultheißenamt der Stadt und dem Abt bedenklichen Kummer. Das Schultheißenamt war damals für Gengenbach etwas Neues. Da nun überdies die ersten Schultheißen Vater und Sohn waren, so verband sich der Name des Amtes mit dem Namen dieser Familie als auszeichnender Unterscheidungsname: Johann Sneit genannt Schultheiß, woraus durch Verkürzung Johann Schultheiß wurde. Nicht nur die beiden ersten gehörten der Familie Schultheiß an, sondern auch die meisten übrigen in den nächsten hundert Jahren. Das konnte in den Zeiten des Lehenswesens eine folgenschwere Angelegenheit werden, und hier wurde sie es. Nach drei oder mehr Generationen konnten Besitzlehen erblich werden, während bei Amtslehen wie bei dem Schultheißenlehen dies in der Regel anders war. Eine Urkunde dieser Zeit spricht von Bertholt Schultheiß, Sweipaches Bruder. Da haben wir also beide Namen in der gleichen Familie. Da die ersten Schultheißen auch Sneit genannt wurden und dem gleichen Geschlecht angehörten, haben sie also abwechselnd sich mit diesen drei Namen unterschieden. In jenem Jahrhundert entstanden nämlich in Gengenbach die ersten Familiennamen als Unterscheidungsnamen, waren jedoch noch lange nicht fest, wie dieses Beispiel lehrt. Da besetzte nun der Abt eines Tages das Amt mit einem Fremden. Damit waren freilich die Sweipach-Sneit-Schultheiß ganz und gar nicht einverstan¬den, weil sie aus der Reihe ihrer Schultheißen-Vorfahren Erbansprüche auf dieses Amt ableiteten. Von einem erblichen Schultheiß wollten aber weder Abt noch Stadt etwas wissen, da man die unvermeidbaren schlimmen Folgen sich sehr genau ausmalen konnte. Darüber kam es zu einem handgreiflichen Krieg, wobei die Sweipach den befreundeten Landschaftsadel aufboten. Mancherlei Schaden entstand, und ein Johannes von Waltstein wurde erschlagen in diesem Streit. Schließlich einigte man sich 1344 auf das Schiedsgericht der Stadt Straßburg. Es entschied, daß die Parteien auf Schadenersatz verzichten müßten, daß aber die drei Familien kein Recht auf das Gengenbacher Schultheißentum hätten, auch keinerlei Recht auf die Tür, die sie mit Weg und Steg einfach durch die Ringmauer gebrochen hatten, um jederzeit mit ihrem Anhang ungesehen in die Stadt gelangen zu können. Doch mußten ihnen die Bürger der Stadt 150 Pfund Pfennig und der Abt 50 Pfund Pfennig als Abstandsgeld bezahlen.
Das Schultheißenamt war ein oberrichterliches Amt, und deshalb sah der Abt darauf, nicht so sehr einen Ritter als vielmehr einen juristisch geschulten Mann dafür zu bekommen, der möglichst schon zuvor eine ähnliche Tätigkeit ausgeübt haben sollte. Das war vernünftig und ganz natürlich, und jede noch so gut gemeinte Abweichung von diesem Grundsatz rächte sich.