Stadt  >  Geschichte  >  Gründung der Abtei
Gründung der Abtei
Das untere Kinzigtal gehörte im 8. Jahrhundert zum Herzogtum Alemannien. Freilich waren im Jahr 536 die Alemannen endgültig unter die Oberhoheit der Franken gekommen. Sie behielten jedoch im wesentlichen ihr Stammesrecht und ihr Stammesherzogtum, ihre Freiheit und die noch Lebenden ihren Grundbesitz, zahlten eine Steuer und leisteten Heeresfolge. Die Franken ihrerseits waren entschlossen, die Oberherrschaft festzuhalten, zunächst durch eine breitverstreute fränkische Zwischensiedlung. Fränkische Königshöfe und Ansiedlungen entstanden natürlich in den besten Anbaugebieten. Gleichzeitig ist das fränkische Königsrecht (als Reichsrecht, welches Landesrecht bricht) über Alemannien in Geltung getreten. Nach diesem Recht gehörten zum Beispiel sämtliche unbewohnten und unbebauten Gebiete dem König. So wurde denn auch das ganze mittlere und untere Kinzigtal „Königsland“.
In diesem Alemannien wirkte im 8. Jahrhundert der Missionsbischof Pirmin († 754), zunächst als Abt von Reichenau. Er war ein hinreißender Redner, so daß ihm viele Jünger zuströmten. Sowie die Zahl der Apostel Jesu überschritten war, begann Pirmin, ein neues Kloster zu planen. Daß er dazu von vornherein eine amtliche Ermächtigung vom fränkischen König hatte, läßt sich wohl annehmen. Denn außer dem vorgeschobenen Posten Reichenau lagen die übrigen von Pirmin gegründeten Klöster zwar im alemannischen Herzogtum, jedoch im sicheren fränkischen Machtbereich und im fränkischen Bistum Straßburg.
Pirmin bemühte sich um solide Dauergründungen. Das war nicht ohne die großzügige Hilfe der weltlichen Macht möglich. Pirmin selbst mußte den Platz für das Kloster aussuchen und die ersten zwölf Mönche dafür bestimmen. Dann mußte über die Dotation verhandelt werden, das heißt, über die wirtschaftliche und rechtliche Grundlage der Neuanlage, damit sie tatsächlich lebensfähig blieb.
Wer den Boden und das Gründungsgut stiftete, dem gehörte nach dem fränkischen Eigenkirchenrecht das ganze Kloster und die Kirche als ein sogenanntes Eigenkloster. So wurde es auch bei der Gengenbacher Niederlassung. Der König stiftete ein umfangreiches Gebiet für die klösterliche Grundherrschaft, vom Schwiegenstein zwischen Haslach und Hausach (= alte Gaugrenze) bis zum Ausgang des Kinzigtals vor Ohlsbach, vom Berggrat im Norden des Tals bis zum Berggrat südlich der Kinzig. Dadurch wurde der König der Eigenklosterherr von Gengenbach, also sein Eigentümer. Aber von diesem Boden allein konnten die Mönche nicht leben. Deshalb gab der König auch einige Gebiete in der Rheinebene dazu, die schon bewohnt waren, die also Abgaben an das Kloster leisten konnten. Daß es Frankengüter waren, verraten uns die Endungen: Schopfheim, Friesenheim usw. Freilich bekamen die Mönche den umfangreichen Landbesitz nicht umsonst. Sie mußten als Gegenleistung dafür auch eine öffentlich-rechtliche Aufgabe übernehmen. Das geschenkte Land war ja unbewohnt. Sie sollten auf eigene Kosten durch Rodungen erschließen, besiedeln und dadurch eine staatliche Aufgabe erfüllen. Dazu kam dann noch die religiöse Bedeutung der neuen Bewohner.
Indessen war beim damaligen Zustand des geschenkten Bodens die königliche Dotation der Abtei anfangs immer noch zu knapp, da es eben meist nur Wälder waren. Die Mitgründer Herzog Uatelo, der Vater des bekannteren Herzogs Tassilo, und der Ortenaugraf Ruthard dotieren nun das Kloster mit weiteren Grundherrschaften aus den altbesiedelten Gebieten: Uatela in den schwäbischen Orten Römlinsdorf, Fluorn, Stetten, Beffendorf, Irslingen und Villingen-Dorf; Ruthard in den elsässischen Orten Dangolsheim, Westhausen, Batzendorf, Hohfrankenheim, Dürningen und Behlenheim. Graf Ruthard hat sich auch mit Frau und Kind im Kloster Gengenbach seine letzte Ruhestätte gesucht.
Keines der sonstigen Pirminklöster war mit so großem und so abgerundetem Grundbesitz ausgestattet worden. Daraus geht hervor, daß Gengenbach eine leitende Vorortstellung unter den Pirminklöstern hatte. Es sollte ein besonders wichtiger fränkischer Vorposten im schwankenden alemannischen Herzogtum sein. Seine Gründung ist zwischen 724 und 727 anzusetzen. Wie es sonst nur in Grenzmarken üblich war, bekam deshalb Gengenbach über sein grundherrschaftliches Gebiet auch die vollen Grafschaftsrechte. Diese waren Königsrechte und konnten daher nur vom König verliehen werden. Das alles diente der Sicherung des Klosters und seiner möglichst starken Bindung ans fränkische Reich, man dachte dabei an einen Ersatz für das dem fränkischen Einfluß entglittene Kloster Reichenau.
Die von Pirmin entworfene Klosterregel war eine Mischregel zwischen der alten Benediktinerregel und der Columbanregel. Gengenbach bekam auch das Recht der freien Abtswahl. Der neuzuwählende Abt sollte aus dem eigenen Kloster genommen werden und nur, wenn dort kein geeigneter Kandidat wäre, aus einem der anderen Pirminklöster von den Mönchen gewählt werden. Da der König der Eigenklosterherr war, mußte auch er das Recht der freien Abtswahl den Gengenbacher Mönchen verleihen. Indessen gab es Zeiten, zum Beispiel im 11. Jahrhundert, wo Heinrich IV. trotzdem den Abt einfach bestimmte. Der erste Gengenbacher Abt war Rusteno, ein Mann von großer Bildung und Frömmigkeit, der mit vielen Vorrechten ausgestattet wurde.
Der Gengenbacher Klosterbezirk wurde auf der Endzunge des Haigeracher Lößhügels angelegt, wo er vor den regelmäßigen jährlichen Hochwassern sicher war.
Zu den Eigenklosterherren gehörte auch Karl der Große. Er war einmal in unserer Gegend und sicher auch im Kloster Gengenbach. Von seinen Nachfolgern wohnte Kaiser Karl III., der Dicke, lange in Alemannien. Die Königin Richardis zeigte sich unserem Kloster gegenüber besonders wohlwollend. Die einzige mit dem Namen überlieferte Schenkung aus ältester Zeit ist die der Königin Richardis. Es war der Weinzehnte von Kinzheim und Schwerweiler im mittelelsässischen Rebbaugebiet, in einer Zeit, wo es in der Ortenau noch keinen Rebbau gab. Dies war die einzige königliche Schenkung, von der wir etwas Genaueres wissen.
Von den Karolingern ging das Recht des Klosterherrn auf den deutschen König über.