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Gengenbach wird Reichsstadt
Da lebte im 14. Jahrhundert drüben im Unterelsaß das Geschlecht der Herren von Brunn (auch Buren, Büren, Burn, Born geschrieben, heute Niederbronn). Wilhelm von Brunn war von unfreier Herkunft, durch die Mutter rittermäßig geworden, ein sogenannter einschildiger Ritter. Dieser bekam um 1320 einen Sohn Lambert (auch Lamprecht geschrieben). Die Eltern brachten den kleinen Lambert frühzeitig als Laienschüler ins Kloster Gengenbach, dessen Schule damals einen weiten Ruf hatte. Dabei bekam er Freude am mönchischen Leben und trat später als Mönch in das unterelsässische Kloster Neuburg ein, das in der Nähe seiner Heimat lag. Hier vertiefte er seinen frommen Sinn und erweiterte spielend sein tiefes und weltweites Wissen. Sein hervorragendes Gedächtnis in Verbindung mit seinem lebhaften, zielbewußten, weiter denkenden Geist und eiserner Beharrlichkeit formten eine eindrucksvolle, einmalige Persönlichkeit. In allem leuchtete er den übrigen Mönchen voran. Sein Name wurde bald weit herum bekannt. Daher kam es, daß er trotz seines jugendlichen Alters von etwa 35 Jahren 1354 zum Abt von Gengenbach gewählt wurde, obgleich er dort gar nicht Mönch war. Es war jene düstere Zeit, als die Pest im Reiche herumschlich und auch in Gengenbach ihre Opfer forderte. Auch durch Gengenbach zogen die Geißlerscharen, die durch ihre Bußwallfahrt und die täglich wiederholte Geißelung den Himmel bestürmten, daß der Herr das große Sterben abwenden möge.
In Gengenbach zeigte sich nicht nur Lamberts einmalige Begabung als Gelehrter, sondern ebenso sein Geschick als gewandter und einfallsreicher Verwalter der Klosterherrschaft, sowie als geschickter Steuermann durch die gefahrenreiche Zeit in der Mitte des 14. Jahrhunderts.
Aber die Gengenbacher durften einen solchen Mann nicht allein behalten. Der Straßburger Bischof Johann II. (1353 bis 1365) machte ihn bald, nachdem er Abt geworden war, zu einem seiner Hofkapläne, damit er ihn jederzeit zu Beratungen heranziehen konnte. Nun war dieser Bischof der Vertraute des Kaisers Karl IV. Ihm wurde vom Bischof der Lambert von Brunn empfohlen. Es dauerte auch nicht lange, da betraute ihn der Kaiser mit wichtigen Missionen, die die großen Anliegen von Kaiser und Reich betrafen; die erste uns bekannte fällt in das Jahr 1360. Lambert zeigte bei all diesen Aufträgen eine ganz ungewöhnliche diplomatische Meisterschaft, und seine Nervenkraft wie auch seine Arbeitsweise können wir nur bewundern. Immer hatte er zwei oder mehr arbeitsreiche Ämter zu gleicher Zeit und dazu noch die zeitweiligen diplomatischen kaiserlichen oder auch päpstlichen Aufträge. Er wuchs dabei immer mehr in die großen Reichsgedanken hinein und begeisterte sich besonders an der Ordnungs- und Friedensaufgabe des Kaisers. Einem kaiserlichen Wunsch auf Besetzung der alten Bischofssitze mit ihm genehmen Männern entzog sich nicht einmal der Papst. So wurde Lambert auf Wunsch des Kaisers 1363 Bischof von Speyer (bis 1371), blieb aber durch besondere päpstliche Erlaubnis zu¬gleich Abt von Gengenbach. Zuvor war er (seit 1361) durch den Papst erwählter Bischof von Brixen gewesen, ohne daß er je dieses Bistum wirklich übernommen hätte. Es war also mehr ein Ehrentitel und ein Rang, mit dem er päpstliche Aufträge, die ihm immer wieder zuteil wurden, leichter ausführen konnte.
Am 28. April 1371 traf in Straßburg ein Schreiben ein, daß ihm der Papst auf Bitten des Kaisers nunmehr das Straßburger Bistum gegeben habe. Wie in Speyer, so fand Lambert auch hier Schwierigkeiten, weil er von unfreier Herkunft war und die freiadeligen Domkapitel sich nicht gern einem solchen unterordnen wollten. Lambert jedoch überwand durch seine Gewandtheit und durch den Beistand des Kaisers alle diese Widerstände. Es war kein Zufall, daß Lambert trotz der zu erwartenden Widrigkeiten von Speyer nach Straßburg ging. Denn zum Straßburger Bistum gehörte der größte Teil des Gengenbacher Klosterbesitzes, dem dadurch ebenso wie zugleich der Stadt Gengenbach in dieser Zeit eine ruhige Entwicklung und nötigenfalls Hilfe vergönnt war. Zum Beispiel waren in jenen Tagen die Briten (Armagnaken) auch ins Elsaß und sogar über den Rhein vorgedrungen und hatten die Gegend furchtbar verwüstet. Lambert organisierte energisch den Widerstand gegen sie und erreichte es schließlich, daß sie vertrieben wurden.
Einen besonderen Wunsch des Kaisers erfüllte Lambert, als er am 29. April 1374 von Papst und Kaiser zum Fürstbischof von Bamberg ernannt wurde. Bamberg war ja die Oberlehensherrin des Gengenbacher Klosters, die dem Kloster in Zeiten der Bedrängnis ihre Hilfe leihen mußte. Nun war es allerdings nicht mehr möglich, daß Lambert weiterhin Abt bleiben konnte, schon wegen der weiten Entfernung, aber auch weil der Lehensmann nicht sein eigener Lehensherr sein durfte. Deshalb wurde 1374 in Gengenbach ein neuer Abt gewählt, Stephan von Wilsberg, Abt von 1374 bis 1398, auch aus einem elsässischen Geschlecht.
Bis 1399 war Lambert Bischof von Bamberg. Immer besorgt um die Sicherung des Reiches war er sowohl bei Kaiser Karl IV. wie auch bei dessen Sohn einer der großen Berater und Helfer, bei Wenzel sogar eine Zeitlang Kanzler (1384). Er wollte Wenzel zu einer aktiveren und geradlinigen Innenpolitik im Reiche veranlassen, was ihm allerdings bei dem seltsamen Charakter Wenzels nur zeitweilig gelang. Bis 1398 finden wir Lambert als häufigen Begleiter des Kaisers besonders bei Auslandsreisen nach Frankreich und Italien, die er meist auch diplomatisch vorbereiten mußte als Führer selbständiger Gesandtschaften. In Bamberg trat noch ein anderer Grundzug seines Wesens stark in den Vordergrund. Er war ein Mann des Ausgleichs und der Versöhnung. Gern und erfolgreich machte er den Vermittler in den großen Händeln in Süd- und Mitteldeutschland. Er hatte auch bedeutsame, der Zeit voraneilende Ideen, zum Beispiel stellte er auf dem Reichstage zu Nürnberg im Jahr 1390 den Antrag, daß eine einheitliche Reichsmünze mit gleichem Münzfuß eingeführt würde an Stelle der vielen verschiedenen Währungen. Damit drang er jedoch nicht durch, die Zeit war noch nicht reif dafür.
Als der bisher so eisern gesunde und widerstandsfähige Mann im hohen Greisenalter merkte, daß seine Kräfte abnahmen, verzichtete er am 13. Januar 1399 auf das Bistum und bereitete sich nach einem vielseitigen, an Erfolgen und Ehren reichen Leben im freundlichen Städtchen Forchheim bei Bamberg in zurückgezogener Stille auf seine letzte Stunde vor, die ihn am 15. Juli 1399 erreichte. Lambert war der erste, der im Dom zu Bamberg eine metallene Grabplatte erhielt, die jetzt noch auf dem Peterschor erhalten ist. In Halbfigur dargestellt, hält Lambert in seiner Rechten das Kreuz, in der Linken den Hirtenstab. In den vier Ecken sieht man die Sinnbilder der Evangelisten, in der Mitte das Familienwappen und in einem viergeteilten Schild die Wappen seiner vier Bistümer.
Wir Gengenbacher haben allen Anlaß, ihm noch ein besonderes Gedenken zu widmen. Die Eigenschaften eines großen Mannes zeigten sich schon, als er noch der schlichte Abt von Gengenbach war. Zielbewußt sorgte er für eine klare Ordnung der wirtschaftlichen Angelegenheiten. Damit die Menschen in Ruhe ihrer täglichen Beschäftigung nachgehen konnten, richtete er ein Hauptaugenmerk auf die Be-friedung im Kinzigtal. Die Geroldsecker waren die unruhigsten und begehrlichsten Nachbarn. Immer wieder versuchten sie, ihren Besitz und ihre Einkünfte auf Kosten der Abtei und anderer schwacher Nachbarn zu vergrößern. Um ihre Forderungen durchzudrücken, scheuten sie sich nicht, in der Art und Weise eines Krieges die Klostergebiete zu verwüsten. Dem machte Lambert 1360 entschlossen ein Ende. Die Ruhe seiner Untertanen und die Sicherung der lebensnotwendigen Klostereinkünfte waren ihm soviel wert, daß er den stets geldbedürftigen Geroldseckern einen Teil der verlangten Güter als Lehen gab gegen eine Anerkennungsgebühr. Als Abt Lambert zugleich Bischof und mächtiger Reichsfürst in Speyer bzw. in Straßburg war, hob sich die Gewähr für Ruhe und Sicherheit fast automatisch, und wir hören nichts mehr von Adelsunruhen.
Dagegen nahm in jener Zeit das Räuberunwesen überhand. Mit Vorliebe suchten solche Banden die verteidigungsschwachen Gebiete auf. Hier schritt Lambert ener-gisch ein und suchte den Belästigungen durch solche unerwünschten Zeitgenossen ein Ende zu setzen. Im Verlauf der so zahlreichen kleinen Streitigkeiten zwischen den adeligen Mannen sowie unter Bürgern und Bauern wuchs seine Geschicklichkeit als erfolgreicher Vermittler. Er war wohl der aktivste aller Gengenbacher Äbte. Obwohl natürlich auch aus seiner Regierungszeit als Abt sehr viele Urkunden und Akten verloren gingen, sind doch über seine Wirksamkeit noch überraschend viele und wichtige erhalten geblieben, während wir über die früheren und nachfolgenden Äbte weit spärlicher unterrichtet sind.
Da er selbst sein Leben lang lerneifrig blieb, galt seine äbtliche Sorge auch der Schule, die damals eine rein kirchliche Angelegenheit war. Unter ihm erfahren wir die erste sichere Andeutung über den Elementarunterricht. Er bestellte nämlich 1355 den Meister Johannes Bletz „zum Adler" als Schulmeister von Gengenbach. Nur der Meister wurde vom Abt ernannt. Wie bei den Handwerksmeistern mußte der Schulmeister selbst sich die nötige Zahl von Gehilfen besorgen und sie ausbilden. Die Beifügung „zum Adler" verrät uns, daß er zugleich Herbergsvater war. Wie alle Fremden, die in klösterliche Dienste traten, mußte er sich mit Leib und Gut zum Gotteshausmann machen. Die Rechte, die dies dem Betroffenen gab, hat der Rat nicht gern gesehen. Derartige Mißhelligkeiten zwischen Rat und Kloster über dessen Rechte focht Abt Lambert energisch durch und ließ 1357 durch Manngerichtsurteil das Klosterrecht in einer genauen Formulierung feststellen.
Einer der Vorgänger Lamberts, Abt Dietrich IV. (1302 bis 1323), hatte 1302 hinter der Leutkirche ein Klösterlein von gottgeweihten Jungfrauen gegründet, genannt die Klause (also außerhalb der Stadt). Mindestens die Gründerinnen und die Leiterinnen vertraten die elsässische Mystik, deren Mittelpunkt Straßburg war. Wegen der Bedrohungen durch die zahlreichen Fehden hatten sie die schutzlose Klause verlassen. Zur Belebung des religiösen Lebens in Gengenbach befahl nun Lambert 1359 der Meisterin Anna von Zabern, die Klause wieder aufzurichten, was diese auch tat. Die Folgezeit zeigte jedoch, daß tatsächlich die Lage für eine solche Einrichtung ungünstig gewählt war. Noch zu Lebzeiten Lamberts 1395 wurde dieses Frauenklösterlein von den Straßburgern verbrannt und dann nicht wieder errichtet.
Eine wichtige Neuerung führte Abt Lambert in der Stadtverwaltung ein, worüber die näheren Umstände leider nicht bekannt sind. Als Stadtherr errichtete Lambert nämlich um 1359 den sogenannten Neuen oder Jungen Rat in der Stadt. In einer Urkunde von 1360 werden vierzehn Namen als seine vollzähligen Mitglieder aufgezählt, die alle Handwerker waren. Die Bezeichnung Stättmeister wird dabei nicht genannt, aber dieses Amt ist im Zusammenhang damit entstanden. Zugleich wurden in Gengenbach die Zünfte aufgerichtet, aus denen der Neue Rat bestimmt wurde. Vorbild war Offenburg, das diese Rechte 1330 von seinem Stadtherrn, dem Kaiser Ludwig, auf Widerruf erhalten hatte. Dieser Junge Rat sollte sich zusammen mit dem Alten Rat um die Verwaltungsangelegenheiten kümmern, Verwaltungsvorschriften erlassen und die städtischen Amter vergeben. In Urkunden ist zunächst die Rede von Stättmeistern, also waren es gleich zwei. Von diesen wurde einer vom Alten Rat oder von den Zwölfern, der andere vom Jungen Rat ernannt. Das Stättmeisteramt war als Entlastung für den Schultheißen gedacht, dessen Arbeitsanfall mit dem Wachstum der Stadt umfangreicher wurde.
Aus dem damaligen ständischen Denken heraus kam natürlich sofort die Frage auf: wer hat die Voraussetzungen für den Rat der Zwölfer und wer für den Rat der Vierzehner? Für diesen, den Jungen Rat, war es ohne weiteres klar, daß die Zunftmeister ratsbürtig waren. Die Zünfte waren nichts völlig Neues. Lange schon gab es in Gengenbach für einzelne Berufsgruppen religiöse Bruderschaften, die ein freiwilliger Zusammenschluß waren. Jetzt wurde die Teilnahme zur Pflicht und die Vereinigungen erhielten öffentliche Pflichten und Rechte. Als solche hießen sie Zünfte. Außer den Vertretern der Zünfte gehörten auch Heimburgen der Landstäbe zum Jungen Rat. Ratsbürtig für die Zwölfer waren dagegen die alten rittermäßigen Geschlechter, die meist Kaufleute und Händler waren. In dem kleinen Gengenbach war allerdings die ständische Trennung nicht so scharf wie in den großen Städten, und der Alte Rat ergänzte sich nach seinem Belieben selbst.
Jetzt waren also neben dem vom Abt bestellten Schultheiß in den Stättmeistern weitere städtische Oberbeamte vorhanden, die von den städtischen Genossenschaften, den Ratsgeschlechtern und den Zünften bestimmt wurden. Das mußte sich erst einspielen. Doch konnte es leicht eine Ursache für unerwünschte Spannungen werden. Einem praktischen Manne wie Lambert blieb dies nicht verborgen. Deswegen bestimmte er 1363 als Stadtherr und Lehensherr des Schultheißen unter Beistimmung des damaligen Amtsinhabers Wilhelm von Brunn, wie man zu Gengenbach das Schultheißenamt leiten und nutzen solle. „Wenn ein Schultheiß gesetzt wird, soll er dem einsetzenden Abt Treue und Aufrichtigkeit schwören, daß er die Klosterrechte halten und vertreten wolle, so sehr er könne, und nicht dabei zu sein noch dazu zu helfen oder zu raten, daß eine neue Aufsässigkeit entstehe gegen des Gotteshauses Rechte und Freiheit." Es war also zweifellos so, daß ein Schultheiß, obwohl er abteilicher Oberbeamter war, auch in Gegensatz zum Kloster geraten konnte, dabei die Leute aufsässig machte gegen das Gotteshaus und Ansichten vertrat, die denen des Klosters zuwiderliefen. Deshalb verstehen wir auch, daß Abt Lambert das Schultheißenamt, als es frei wurde, mit besonderer Genugtuung sei¬nem eigenen Bruder verlieh.
Werfen wir nun noch einen Blick auf die Entwicklung der Landeshoheit über die Stadt.
Bamberg als Oberlehensherrin hat die Hochgerichtsbarkeit und die Schirmvogtei über die abteiliche Grundherrschaft in einem Fürstenlehen zusammengefaßt. Die frühesten Inhaber, die wir kennen, waren die Zähringer in Freiburg. Nach ihrem Aussterben 1218 erwarb der Hohenstaufenkaiser Friedrich II. dieses Lehen um 4000 Gulden. Es war ein hochpolitisches Lehen, da es den Schlüssel zur Beherrschung von Mittelbaden und des anschließenden Hinterlandes bildete und sich in Verbindung mit der Reichslandvogtei Ortenau vielleicht zur territorialen Landeshoheit ausgestalten ließ - und das haben alle Inhaber des Lehens versucht. Nach dem Tode des Kaisers kaufte sich 1263 die Bistumsherrschaft Straßburg diese Schlüsselstellung, die ja gerade vor ihren Toren lag. Dem deutschen König Adolf von Nassau gelang es dann, dem Bistum diese Rechte wieder zu nehmen und um 1296 ans Reich zu bringen, wo sie einige Jahrhunderte blieben. Leider nur dem Namen und dem Oberrecht nach. Denn die folgenden deutschen Könige verpfändeten nach 1300 diese Hochgerichts- und Schirmvogtei über die Klosterherrschaft zusammen mit der Landvogtei Ortenau gegen immer höhere Pfandsummen, da die Ortenau von allen benachbarten Großen sehr begehrt war zum Ausbau ihrer Machtstellung. Neben den badischen Markgrafen, den Grafen von Fürstenberg, den Kurfürsten von der Pfalz und Vorderösterreich war in erster Linie der Bischof von Straßburg daran besonders interessiert. Gerade als Lambert den Abtsstab übernahm, war dieser der Pfandherr der Ortenau geworden. Die Pfandherren schickten als ihren Oberbeamten einen Landvogt auf das benachbarte Schloß Ortenberg. In den drei Teilen: Landvogtei Ortenau, klösterlich gengenbachische Grundherrschaft und ortenauische Städte waren die Rechtsverhältnisse aber verschieden, während die Landvögte das Bestreben hatten, alles zu vereinheitlichen. Dabei kamen sie häufig mit den ungewöhnlichen Gengenbacher Rechten in Konflikt. Da gab es dann lange, unfreundliche Auseinandersetzungen, wo keine Seite nachgeben wollte. Besonders wollten die Pfandherren eine Verzinsung ihrer hohen Pfandsumme aus dem Pfand herauswirtschaften, was natürlich Verdruß erregte, aber gar nicht so leicht zu bereinigen war. In solchen Fällen versuchte Abt Lambert zu schlichten und zu vermitteln.
Hatten denn die Gengenbacher irgendetwas mit diesen Vögten oder Pfandherren zu tun? Allerdings! Die Abtei besaß nur privatrechtliche und die sogenannte niedere öffentlich-rechtliche Gerichtsbarkeit, und auch der neuen Stadt konnte die Abtei, die ja Stadtherr war, keine andere Gerichtsbarkeit übertragen. Überall, wo es sich um Leib und Leben oder größere Verbrechen handelte, war der Inhaber des Hochgerichts oder des peinlichen Gerichts zuständig. Indessen, wo war da die Grenze? Heute sind solche Dinge genau fixiert, damals war das noch nicht der Fall. Da gab es endlose Zuständigkeitsbeschwerden. Mit Hilfe Lamberts brachten es schließlich die Gengenbacher dahin (1358), daß die Pfandherren versprachen, die Sprüche der Zwölfer, den Besitz der Stadt und der Bewohner sowie die unabhängige städtische Gerichtsbarkeit anzuerkennen. Sie versprachen ferner, gegen den Willen der Bürger keine neuen Gebäude zu bauen, keine neuen Bewohner anzunehmen und die Juden in ihren Rechten zu belassen (= Schutzrecht der Stadt). Das waren die Hauptstreitpunkte. Als Gegenleistung mußte die Stadt an die Pfandherren eine Steuer von 40 Mark Silber abführen. Aber trotzdem gab es wieder und wieder Übergriffe der Beamten.
Ein erster Schritt, aus der Reichspfandschaft einen landesherrlichen Dauerbesitz zu machen, gelang dem Straßburger Bischof. Er erlangte 1358 einen kaiserlichen Erlaß, daß die Städte der Pfandschaft (also auch Gengenbach) außer dem Reichshofgericht noch dem bischöflichen Gericht in Straßburg als Obergericht unterstehen sollten.
In seiner vorausschauenden staatsmännischen Klugheit erkannte Abt Lambert bei seinen Vermittlungsbemühungen bald, vor allem nachdem er selbst Reichsfürst geworden war, daß die Städte schließlich doch einmal dem Überdruck der Pfandherrschaft erliegen mußten und sann auf eine zweckdienliche Abhilfe. Da er Reichsfürst, geschätzter Berater und Helfer des Kaisers Karl IV. war, durfte er sich zuweilen als Dank für seine dem Reich geleisteten Dienste einen besonderen Gnadenerweis vom Kaiser erbitten.
Solche Anlässe benutzte Lambert, um der Stadt Gengenbach durch eine grundlegende Änderung ihrer staatsrechtlichen Stellung Ruhe zu verschaffen und sie stärker und für die Dauer in ihrem Bestand zu sichern. Durch Lamberts Bemühungen wurden die Jahre um 1360 für die Stadt von entscheidender Bedeutung. Eine große Neuerung konnte früher noch weniger als heute in kurzer Zeit eingeführt werden. Dazu war eine allmähliche Überleitung mit den zugehörigen Vorurkunden erforderlich, die seit 1358 den Rechtsstand von Gengenbach einschneidend veränderten. Lambert entließ nämlich die Stadt aus dem Schutz und Schirm der Abtei und bat den Kaiser, den Gengenbacher Bürgern ihre Stadtrechte und Güter zu bestätigen (wofür er ja bisher nicht zuständig war) sowie die Stellung der Stadt gegenüber den Pfandherren dadurch zu klären, daß er ihr die vollständige und uneingeschränkte Gerichtshoheit verleihe und sie als kaiserliche Stadt in den Schirm des Reichs aufnehme. Das tat der Kaiser der Reihe nach und in den abschließenden Urkunden vom 29. Dezember 1365 und vom 5. Januar 1366. Er bestätigte darin der Stadt das bisherige Stadtrecht und nahm sie dann an sich und ans Reich. Das war die Geburtsstunde der Reichsstadtherrlichkeit unseres Städtchens. Von da an war Gengenbach nicht mehr eine Stadt der Abtei, sondern „eine Stadt des Kaisers und des Reiches" („unsere und des Reiches Stadt"), wie von jetzt an die amtliche Bezeichnung lautete. Der Kaiser „empfing die Stadt und die Bürger mit allen ihren Gütern in seinen und des heiligen Reiches Schirm, Behältnis und aller vollkommensten Gewalt in Kraft dieser Urkunde". Die neuen Rechte, die Abt Lambert für die Stadt durchsetzte, waren folgende:
1. Die Zwölf des Alten Rats sind allein zuständig für die Auslegung der Rechte und des Herkommens der Stadt.
2. Die Zwölf des Alten Rats sind die Richter in allen Erbsachen und überhaupt in allen Sachen, die vor ein weltliches Gericht gehören, soweit sie unter den Gengenbacher Bürgern vorfallen; sie sind Richter im ganzen öffentlich-rechtlichen Bereich (Güterrecht, Erbrecht, Strafrecht mit der peinlichen Gerichtsbarkeit).
3. Die Gengenbacher dürfen nur vor ihren Gengenbacher Richtern gerichtlich verklagt werden oder sich verantworten müssen und nirgends anderswo, sonst nur vor dem König und dem königlichen Hofgericht, wo es nach den Vorschriften zulässig war.
4. Für die Schulden der Pfandherrschaft haften die Stadt und die Bürger nur, wenn sie sich ausdrücklich dafür verbürgt haben.
5. Zu den Bürgern und der Stadt gehören alle Menschen in den Tälern und alle sonstigen innerhalb der Pfarrei Gengenbach.
6. Die Pfandherren dürfen die Bürger und die Stadt nicht über die herkömmlichen Dienste und die gewohnten Steuern hinaus belasten.
Lambert kannte zur Genüge die Undankbarkeit und die Vorteilssucht der Menschen. Um künftige Streitigkeiten von vornherein auszuschalten, ließ er in diese Urkunden noch die Sicherungsbestimmungen für das Kloster aufnehmen, wobei der Kaiser bei Zuwiderhandlung den Verlust dieser Stadtrechte androhte:
1. Die vom Kaiser bestätigten und neu verliehenen Stadtrechte dürfen dem Abt, Konvent und Kloster in Gengenbach keinen Nachteil bringen.
2. Die Gengenbacher dürfen den Abt und die Klostergemeinschaft nicht an ihren Rechten behindern oder beeinträchtigen.
3. Sie müssen in Zukunft pflichtmäßig die Mönche in allen ihren Gütern und Rechten auf Verlangen des Abts und der Klostergemeinschaft unterstützen, schützen und getreulich verteidigen. Die sonstigen bisherigen Bindungen ans Kloster bleiben natürlich weiter bestehen.
Mit den neuen Gerichtsrechten usw. waren auch Gebühren und Einkünfte verbunden, auf die der König beziehungsweise die Pfandherren jetzt verzichten mußten. Das floß ihnen wieder zu in Gestalt einer von nun an erhöhten Reichssteuer von 80 Mark Silber, also das Doppelte wie bisher, welche die Stadt jährlich als Ausgleich zahlen mußte. Die Stadt erhob jetzt diese Steuer im Umlageverfahren von allen Bewohnern des Kirchspiels. Die älteste noch vorhandene Quittung darüber ist von 1368. Diese erhöhte Zahlungspflicht ist auch ein Beweis der neuen Reichsstadtwürde. Daß es sich um eine besondere kaiserliche Gnade handelte, um etwas Ungewöhnliches, das geht schon daraus hervor, daß Gengenbach die einzige Reichsstadt war, bei der es keinen vom Kaiser ernannten Schultheißen gab. Dieser war sonst das Hauptkennzeichen der Reichsstadteigenschaft. Hier und bei Zell a. H. lag zum einzigen Mal eine solch rechtliche Voraussetzung für das Reichsstadtverhältnis nicht vor, was nur zu erklären ist aus den Umständen der Verleihung: der Kaiser wollte mit Rücksicht auf Lambert von diesem Haupterfordernis absehen. Die beiden genannten Urkunden haben noch eine wichtige Besonderheit. Während die späteren Bestätigungen dieser Privilegien keine Zeugen nennen, sind die Urkunden für die erstmalige Verleihung in besonders feierlichen und ausführlichen Eingangsformeln gehalten und zählen namentlich die vornehmsten Zeugen der Verkündigung dieser neuen Rechtsschöpfung auf: Zwei Kurfürsten, vier Bischöfe (darunter Lambert), sechs Grafen, sechzehn sonstige Adelige. Auch dies beweist, daß es sich um eine Erstverleihung handelte und nicht um eine bloße Bestätigung schon früher erworbener Rechte. Die späteren Kaiser haben sich bei der Bestätigung ausdrücklich auf Karl IV. als den ersten Geber dieser Rechte berufen. Für die Öffentlichkeit mußte der Kaiser auch einen Grund nennen, warum er die Gengenbacher der Ehre, eine kaiserliche Stadt mit vollständigem Reichschutz zu werden, in dieser einmaligen Form für würdig hielt: „Mit ruhmreichen Taten der Treue und Tapferkeit und fester Statthaftigkeit selbst unter großen Gefahren für Leib und Gut haben die Gengenbacher ihre Anhänglichkeit ans Reich bekundet und hielten auch aus bei schlechtem Ausgang. Sie nahmen auch schwere Opfer dafür auf sich." Auf welche Ereignisse der Kaiser dabei anspielte, wissen wir leider nicht.
Das Ergebnis war eine stolzere, selbständigere, angesehenere Stellung gegenüber den Landesfürsten und Herrschaften der Nachbarschaft, vor allem gegen die Pfandherren. Und die Pfandschaft dauerte bis 1803! Nichts Geringeres hatte die Stadt damit erworben als die mit einem Schlag ihr voll zufallende Landeshoheit über das gesamte, bisher von der Stadt unabhängige Hinterland, wirtschaftlich die vollständige Selbstgenügsamkeit mit verstärkter Steuerkraft. Das Kirchspiel umfaßte außer der Stadt mit Oberdorf die Täler und Bauernschaften von Haigerach, Pfaffenbach, Binzmatt, Reichenbach, Herg, Ohlsbach, Einach, Schwaibach, Dantersbach, Hetzental, Schönberg, Fußbach, Brambach, Beiern, Strohbach, Brückenhäusern, Bremersbach und Wingerbach.
Die vorherigen Verwaltungsgrenzen zeigen uns die vier heute noch vorhandenen Etterkreuze an. Mit der neuen staatsrechtlichen Stellung sprengte die Stadt ihren bisher so engräumigen Gürtel und bekam nun als „Gebiet" fast ihr ganzes natürliches Markt- und Einflußgebiet, das jetzt auch eine größere Verwaltungseinheit und damit eine geschlossene Schicksalsgemeinschaft wurde, leider nur bis 1803! Diese Lösung zeigt aber vor allem den staatsmännischen Weitblick des Abtes Lambert. Es war eine vorbildliche Schöpfung, die in uns eine Ahnung aufkommen läßt von der Größe dieses Mannes.
Das Wort Reichsstadt war damals noch nicht üblich. Selbst die Kaiser redeten die Gengenbacher an mit „unsere Stadt zu Gengenbach, unsere und des Reiches lieben Getreuen" oder „unsere und des heiligen Reiches Stadt", ohne Ausnahme bis ins 16. Jahrhundert. Der Begriff Reichsstadt wurde erst gebraucht, als der Schwäbische Kreis gebildet wurde. In dessen Kreistag traten nachträglich auch die Reichsstädte als besonderer Stand ein. Gengenbach wurde gegen Übernahme eines Matrikularbeitrages 1503 zusammen mit Offenburg und Zell a. H. aufgenommen, bald darauf ebenso in den Reichstag. Die drei Ortenauer Reichsstädte hatten anfangs nur eine Stimme, weshalb sie meist nur einen Vertreter schickten, schon der Kosten wegen. Gengenbach zahlte die höchste Reichssteuer (80 Mark Silber, später = 353 rheinische Gulden), Offenburg 60 Mark = 276 Gulden, Zell 40 Mark = 190 Gulden. Darin sehen wir den Unterschied in der Steuerkraft der drei Städte und damit zugleich die wirtschaftliche Bedeutung unserer Stadt. Trotzdem saß Offenburg in der rangmäßigen Sitzordnung einige Plätze vor Gengenbach und dieses wieder weit vor Zell.
Bisher hatte Gengenbach als Wappen einen roten Schild, darin einen gebogenen weißen oder silberfarbigen Lachs, auch Gangfisch oder Forche genannt. Am 28. März 1505 erhielten nun die Gengenbacher vom Kaiser Maximilian I. ein verändertes Wappen, nämlich einen weißen oder silberfarbenen Schild mit einem aufrechten schwarzen Adler samt Kopf und aufgetanen Flügeln, an dessen Brust ihr altes Wappen angebracht war. Dadurch war das Gengenbacher Wappenrecht dem der alten Reichsstädte angeglichen worden. Seit dieser Zeit, erstmals 1511 für uns aufweisbar, führte das städtische Siegel die Umschrift: Kanzleisiegel der Reichsstadt Gengenbach (sigillum cancellariae civitatis imperialis de G.).