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Dinghofbezirke
Wenn wir diese Entwicklung der Bewohnbarmachung überschauen, können wir sagen, daß seit etwa 1400 die Gengenbacher Gegend schon ungefähr soweit gerodet war, wie sie sich uns heute darstellt. Seither hat es nur geringfügige Änderungen gegeben. Das Verhältnis von landwirtschaftlich genutztem Land zum Waldland war seit dieser Zeit so ausgewogen, daß sich nur wenig Abwandlungen als notwendig erwiesen, obwohl vor allem im jetzigen 20. Jahrhundert die Bevölkerung recht erheblich zugenommen hat. Das beweist uns einleuchtend, daß die klösterlichen Rodungen wohlüberlegt und planmäßig durchgeführt wurden.
Nun wird man fragen: was hatten denn die vielen „Kurien" zu bedeuten? Der gesamte Boden von Gengenbach und seiner Umgebung war aufgeteilt in Bezirke, die von der Abtei selbst bewirtschaftet wurden, und in die Kurienbezirke. Das waren die damaligen Verwaltungseinheiten. Alle Menschen dieses Gebietes lebten unter dem Lehensrecht. Wir sahen, daß auch die Abtei ihrerseits lebensabhängig war. In ähnlicher Weise waren die Bewohner unserer Gegend lehensabhängig von der Abtei. Die Rodungsgenossenschaften blieben in geänderter Form auch nach der Aufteilung des nutzbaren Bodens auf die einzelnen Familien bestehen, jetzt als verwaltungsrechtlicher Verband. In feierlichem Akt wurde dem Siedler vom Bauern-Meister (= klösterlicher Meier) der Lehensbrief übergeben. Von da an war jener selbständig und selbstverantwortlich für sein sogenanntes Erbe-Gut. Im Lehensbrief war auch der Bodenzins für das geliehene Gut verzeichnet. Nur wenn eine Familie ausstarb, konnten die Abgaben überprüft und entsprechend der inzwischen eingetretenen Abwertung anders festgesetzt werden. In einem solchen Fall konnte ein Erbegut auch in ein Pachtgut oder verschiedene andere Lehensformen umgewandelt werden. Uns heutigen Menschen sagen wir ja nichts Unbekanntes, wenn wir daran erinnern, daß der Verkehrswert der Abgaben veränderlich war, je nachdem ob der Getreideertrag groß oder gering war. Dazu kam, daß durch die allenthalben vergrößerte Anbaufläche der normale Marktpreis der Bodenerzeugnisse allmählich sank, und zusätzlich sank auch der Geldwert. Der Kaufkraftwert der Zinse war am Ende der Klosterherrschaft 1803 so gering, daß nach dem Übergang an Baden die Erbegüter ohne jede Ausgleichszahlung dem bisherigen Lehensinhaber zu freiem Eigentum überlassen wurden. Die Pacht- und sonstigen Güter hingegen wurden marktüblich versteigert. Die Abgaben traten nun freilich in Form von Landessteuern in unangenehme Erscheinung.
Indessen war es mit den Bodenzinsen allein nicht getan. Beim Tode des Erbegutinhabers mußte sein Nachfolger dem Abt in feierlicher Form als des Klosters eigener Mann huldigen und sein Gut neu empfangen, wofür er die Empfangsgebühr zu zahlen hatte, ursprünglich das Besthaupt Vieh. In Notzeiten wurde diese Abgabe ermäßigt, und die Ermäßigung blieb schließlich für dauernd bestehen. Seit etwa 1400 betrug diese Gebühr nur noch ein Pfennigwertbrot und ein Maß Wein, die nach dem jeweiligen Geldwert zu entrichten waren, also eine bloße Anerkennungsgebühr. Das war der Vorzug und die Annehmlichkeit der geschlossenen Siedlungen, die vollständig im klösterlichen Obereigentum waren. Die umgebenden weltlichen Herrschaften erhoben beim Übergang eines Gutes in andere Hände ein Drittel des Wertes beziehungsweise des Kaufpreises als Abgabe. Das war eine weitaus größere Last als die wenigen Pfennige für Brot und Wein.
Sämtliche Bewohner in den besprochenen Bezirken ohne Ausnahme waren Hörige des Klosters, mußten dafür jährlich 1 Pfennig bezahlen und beim Tode das Besthaupt Vieh oder das beste Kleid, die aber laut Vorschrift vom Faller niedrig taxiert werden sollten. Diese Abgabe wurde schon im Jahr 1508 um 1100 Gulden für das Kirchspiel Gengenbach abgelöst, so daß sie von da an wegfiel. Es blieb nur noch der Güterfall. Der „Fall" war eine Vorform der heutigen Erbschaftssteuer. Die bäuerlichen Siedler bekamen von der Abtei auch Land, das von allen gemeinsam genutzt werden sollte: Weiden, das Beholzungsrecht in bestimmten Wäldern, Wege, Gewässer und dergleichen. Das nannte man die Allmend. Das Beholzungsrecht umfaßte den jährlichen Brennholzbedarf und den nur zuweilen auftretenden Bauholzbedarf für die zugehörigen Gebäude.
Um 1400 wurden die abteilichen Hubbauerngebiete in einer schon fortgeschrittenen Betriebsform bebaut. Die ganze Flur war in drei festumgrenzte Feldergruppen (Oesche) eingeteilt, wovon die eine für die Winterfrucht, die andere für die Sommerfrucht bestimmt war, die dritte wurde gar nicht angesät, sondern blieb als Brachland das ganze Jahr hindurch Viehweide. Jedes dieser drei Felder wurde so in je drei Jahren umgetrieben, und zwar in der Annahme, daß der Boden sich im letzten Jahr wieder soweit erhole, daß ihm mit der Winterfrucht wieder eine volle Ernte zugemutet werden könne. Indessen gab es gerade im Kinziggebiet Böden, die sich allmählich erschöpften. Um den Ertrag einigermaßen zu erhalten, sann die Abtei auf eine Verbesserung der Anbauweise. Die Zweifelderwirtschaft wurde eingeführt. Das war nur möglich durch die vorgeschriebene Mergelung der Felder, die nicht nur eine Bodenverbesserung, sondern auch eine Höherlegung anstrebte. In Ermangelung von genügend Mergel wurde dann die Ackerdüngung eingeführt. Das hatte für den Weidebetrieb die Folge, daß das Vieh nicht mehr das ganze Jahr auf die Brache getrieben werden konnte, denn es gab ja keine mehr. Erst nach Aberntung der Winter- und dann der Sommerfrucht und der Wiesen weidete das Vieh wieder gemeinsam auf dem ganzen, unabgeteilten Oesch. Da Flurzwang bestand, wurde ein Oesch gleichzeitig geerntet. Dann durfte das Vieh von Michaeli bis Georgi hier weiden. In der übrigen Zeit mußte zur Stallfütterung übergegangen werden. So gab es in der Gengenbacher Gegend schon von früh an eine vorbildliche Landwirtschaft. Damit das weidende Vieh nicht in die angebauten Felder hinüberwechselte, wurden die Weidegründe eingezäunt; es entstand eine Bühnd, daher dieser Flurname.
Die endgültige Sicherung des guten Bodens geschah durch die Kinzigregulierung um 1860. Seitdem gab es Katastrophenwasser nach der verheerenden Art der früheren bis heute gottlob nicht mehr. Dabei entstand auch das entzückende heutige Landschaftsbild.
Aber zurück zu den Dinghofbezirken! Es waren kleine, leicht überschaubare Nutzungs- und Verwaltungsgemeinschaften, in denen der klösterliche Dinghofmeier lange Zeit fast patriarchalische Rechte hatte. Da außer den Meiern nur wenige lesen und schreiben konnten, wurden Bekanntmachungen für alle von der Kanzel verkündet, zum Beispiel: bis wann die Abgaben in Bodenerzeugnissen und Geld beim Meier sein mußten. Wer dann noch nicht abgeliefert hatte, kam vor das Gericht. Der Meier war nämlich zugleich der Richter über seinen Bezirk und hatte damit hoheitliche und polizeiliche Befugnisse. Die Hofinhaber mußten durch ihr Gesinde auch gewisse Dienste leisten, zum Beispiel Mithilfe bei der Ernte.
Der Kurienbezirk war oft auch der zugehörige Zehntbezirk, so daß die Einsammlung des Zehnten ebenfalls vom Meier angeordnet werden mußte. Er bezahlte einen Zehntsammler, der die auf den Feldern liegen gelassenen Zehntgarben, den Zehntwein usw. zu sammeln hatte. Der Zehntwein galt als geringer Wein und mußte deshalb in besondere Fässer gegossen werden.
Die Meier waren hochangesehene Leute, die den städtischen Patriziern gleich-standen. Sie wurden in der klösterlichen Schule vorbereitet und später von den weltlichen Oberbeamten für ihre Tätigkeit geschult. Die Dinghöfe waren eine umfangreiche Gebäudegruppe und eben die landwirtschaftlichen, verwaltungsmäßigen und gerichtlichen Mittelpunkte ihres Bezirks und damit die Vorläufer der heutigen Rathäuser.
Aus den abgelieferten Zinsen wurden zunächst die Besoldungen gereicht. Was übrig blieb, wurde nach Gengenbach in den Hauptspeicher der Abtei geführt. Die Dinghöfe hatten nämlich als übergeordnete Stelle die „Pflege" oder Schaffnei in Gengenbach, auch Unterschaffnei genannt zum Unterschied von der Gengenbacher Oberschaffnei. Die Unterschaffnei mußte die hereinkommenden Erzeugnisse verwerten und den Erlös an die Oberschaffnei geben.
Außer den von den Dinghofmeiern nach Bedarf einberufenen, sogenannten gebotenen Dinggerichten gab es die drei ungebotenen, die im November, im Januar und in der ersten Maiwoche regelmäßig stattfanden, letztere für das ganze Kirchspiel in Gengenbach. Alle Lehensträger mußten daran teilnehmen. Bei diesem letzteren führte anfangs ein Gerichtsvogt aus dem freien Stande den Vorsitz, um den sich der Abt jedesmal bemühen mußte. Da überall die Gerichte zu ähnlicher Zeit waren, hielt es oft schwer, einen solchen zu bekommen. Sie stellten entsprechend hohe Honorarforderungen, die auf die Dauer schwer zu tragen waren. 1378 erhielt deshalb der Abt das Recht, einen beliebigen Ritter als Dinggerichstvogt zu bestellen. Von da konnten auch ritterbürtige Klosterministeriale zu diesem Amt genommen werden.
Das Hauptwegenetz wurde bei den Rodungen so angelegt, daß es auf Gengenbach hin als dem natürlichen Mittelpunkt der Landschaft gerichtet war. Alle genannten Dinghofbezirke gehörten auch kirchlich zur klösterlichen Pfarrei Gengenbach mit Ausnahme von Berghaupten. Im vorderen Reichenbach (St. Peter) und im hinteren Haiger (St. Michael) wurden für die entfernteren kirchlichen Außenbezirke eigene, heute noch bestehende, künstlerisch bemerkenswerte Kapellen gebaut, wo Werktagsgottesdienste, vor allem Trauergottesdienste gehalten wurden.