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Die Moos
Der Gengenbacher Hausberg ist die Moos. Sie liegt heute freilich nicht auf unserer Gemarkung, sondern auf der Nordracher. Aber ihre Schicksale verbinden sie untrennbar mit Gengenbach.
Solche ursprünglich unbewohnten, zusammenhängenden königlichen Hochwaldungen hießen Forstwälder oder Forste, und lange noch waren die Königsforste richtige Altwälder, die nicht beförstert waren, in die sich nur Jäger zuweilen hineinwagten. Außer der zeitweiligen Jagdnutzung waren sie für den König ertraglos, so daß er sie nur verwerten konnte, wenn er Teile davon als Lehen oder Allodeigentum weitergab. Die Grafen bekamen solche als Teil ihrer Besoldung, oder der König vergab sie als Lohn für geleistete Dienste und zur Dotierung von Klöstern und Kirchen.
Ein solcher ehemaliger Königsforst war der Mosenberg. Geographisch ist er ein leicht erkennbares und genau abgrenzbares Gebiet zwischen Kinzig- und Renchtal. Die Linie Gengenbach-Oppenau geht gerade über seine Gipfelfläche. Sein Höhenprofil ist auf viele Meilen in der Runde nicht zu übersehen.
Aus den Höhenlagen um 500 m geht es plötzlich steil wie eine Bastion etwa 200 m in die Höhe. Wie eine unnahbare Festung steht das gewaltige Massiv vor dem Besteiger aus allen Richtungen. Aber die Wege umspielen in sanfter Steigung die Steilhänge. Dann hat man eine leichtgewellte Hochfläche vor sich mit einer bezaubernden Fernsicht.
Diese Naturfestung hat unter ihrer Oberkrume einen ziemlich weichen Sandstein, der sich wie eine behäbige Bank über die härteren Gneise, Porphyre und Granite der Tiefe legt. Die Bergbastion beginnt von Gengenbach her bei der Kornebene, von Offenburg her hinter dem Brandeck-Lindle. Gerade diese beiden Seiten schauen nach unserer Regenseite. Zu allen Jahreszeiten müssen die Regenwolken dort einen ordentlichen Steigungsregen abgeben. Das ist ein Glück für den Bergklotz und für die Menschen. Wer einmal abseits vom Wege die Steilbastion hinaufklettert, der merkt bald, was den lockeren Boden zusammenhält. Es sind die Moose, die sich in diesem regenreichen Gelände gierig angesiedelt haben und fleckenweise richtige und seltsame Hochmoore mit eigenartigem Pflanzenwuchs schufen. Dies fiel schon den Menschen des Mittelalters auf. Sie gaben daher dem ganzen Bergmassiv den treffenden Namen „die Moos" oder „der Mosenberg", 1231 zum erstenmal aufgeschrieben. Einzelne Punkte der Hochfläche haben heute besondere Gipfelnamen. Es sind meist junge Namensbildungen, die in den letzten hundert Jahren für die Bedürfnisse der modernen Karten notwendig wurden.
Geschichtlich reichte dieser ehemalige Königsforst weit über die Hochbastion nach Westen und Osten hinaus. Denn die langen Quelltäler von Reichenbach sowie der hintere Haiger entwässerten die westlichen Ausläufer der Hochfläche. Die dortigen Rodungssiedelungen entstanden also auf der alten Fläche des Mooswaldes. Wir bezeichneten sie als zweite Rodungsstufe. Wir werden gleich von der dritten Rodungsstufe zu sprechen haben.
Der König übergab der Abtei Gengenbach auch diesen Forst zur Ausstattung. Weil der entlegene Forst der Abtei zunächst wenig Ertrag brachte, übertrug der Stauferkönig Heinrich (VII.) 1231 dem Kloster einen Rodungsauftrag: „Wir haben dem Abt und Convent die Vollmacht gegeben, den Wald zu roden. Wenn sich Menschen dort niederlassen, sollen sie von jeder Steuer und jeder Dienstbarkeit an außerklösterliche Behörden frei sein. Keiner meiner Beamten soll sich unterstehen, von den dortigen Menschen irgendeinen Dienst zu verlangen. Niemand hat über den Wald und die Leute das Vogtrecht, niemand darf ihnen etwas befehlen, über sie richten oder ihnen eine Abgabe auferlegen als der Abt von Gengenbach."
Solche Rechte bedeuteten seit dem 13. Jahrhundert die vollständige Landeshoheit. Das Gebiet gehörte auch nicht zur bambergischen Hochgerichts- und Schirmvogtei über die Klosterherrschaft. Also staatsrechtlich eine Seltsamkeit, die ihre Ursache in den schwierigen bodenkundlichen und klimatischen Bedingungen hatte, denen der Berg unterworfen war. Die Abtei hatte hier ein eigenes, von jeder andern Oberherrlichkeit vollkommen freies, landesfürstliches Territorium, das auch 1366 nicht dem reichsstädtischen Gebiet angegliedert wurde. Auf Grund dieses Tatbestandes wurde die Abtei ein Reichsstand des Deutschen Reiches und ein Kreisstand des Schwäbischen Kreises, und zwar nicht auf der Prälatenbank, sondern auf der Fürstenbank. Der Abt gehörte dem Reichsfürstenstand an.
Es war schon ein Wagnis, in einer Höhenlage von 650 bis 870 m Menschen seßhaft zu machen. Die Abtei mit ihren großen Erfahrungen in der Landerschließung versuchte seit etwa 1300 auf diesem höchstgelegenen Bereich der Klosterherrschaft eine dritte Rodungsstufe anzulegen mit Hochtalsiedlungen und halbgewerblichen Bewohnern. Die heutigen Wege gehen im wesentlichen bis in jene Zeit zurück. Die älteste Spur der Aufschließung und Besiedlung bietet uns eine Urkunde von 1334. In 770 m Höhe mitten im Moosbezirk erstand damals das Sägewerk Mitteleck, darum herum typische Holzhauersiedlungen. Folgende Örtlichkeiten werden 1603 genannt: Mitteleck, ein Waldbezirk mit den Grenzfluren Brandwald und Schwarzgrund, das Hörnlin, die Moosstuben, das Hilsecklin, die Wolfsgruben und im Hilsinger. Die meisten werden wir als Wohnplätze anzusprechen haben. Seltsamerweise besitzen wir gerade über die abteiliche Moos die älteste Vermessungskarte in Mittelbaden. Sie ist eine Papierkarte, Bildspiegel 111: 89,5 cm, im 19. Jahrhundert auf Leinwand aufgezogen. Unter einem Rahmen ziert sie heute das Forstamt Gengenbach und hat folgende Aufschrift: „Grundriß über die Reichsgotteshaus gengenbachischen Territoria im Adeligen Riß, dessen ganzen Bezirk um den Mooswald herum, nebst deren Lehengüter und anstoßenden Grenzen." Sie wurde für den Reichsprälaten Benedikt Rischer etwa 1760 angefertigt. Dieser Abt suchte die neuesten wirtschaftlichen Anschauungen seiner Zeit hier zu verwirklichen. Er gründete 1750 an der Zufahrtslinie zur Mooshochfläche eine Kobalt- und Blaufarbenfabrik, die allerdings ihren wichtigsten Rohstoff, das Kobalt, von sehr weit her, hauptsächlich aus Böhmen, beziehen mußte. Nach den Angaben auf dem Plan war die Fabrik in damals hochmodernen Formen schon vollständig in Betrieb, mit Wasserwehr, Wirtschaft, „Laboranten-Häusern" und so weiter.
Was für Bäume waren nun damals auf der Moos? Der Name Buchwald in der Mitte der Westhälfte verrät den großen Buchenbestand. Über ein Drittel der gesamten Fläche waren Reutbösch und Weidfeld, die auf ausgedehnte Eichen-, Birken- und Haselnußbestände hinweisen. Die beiden Fabriken brauchten gerade solche Hölzer. Dagegen findet sich außer der Bezeichnung „Blechtannenmatten" im südöstlichen Zipfel des Bezirks kein Hinweis auf Nadelhölzer.
Die Besiedlung begann am Südrand bei der Fabrik im Nordracher Tal. Dort gab es die älteren Einzelhöfe, darunter den Dinghof für den Bezirk, den Schönwälder Hof, heute noch vorhanden. Im südöstlichen Zipfel des Waldgebietes hatte der Abt 1708 eine Glashütte errichtet, bei der sich die Familien der dort Beschäftigten niederließen, wovon der Zinken den Namen Glashütten erhielt, später, nach Verlegung der Hütte: Altglashütten.
Die einzelnen Orte in dem weiten Gebiet waren jeweils durch Wald voneinander getrennt. So befand sich nördlich von Altglashütten die Rodung Schäffersfeld, noch weiter nördlich der alte Sägewerksort Mitteleck, westlich davon der Zinken Hilseck (Hils = Stechpalme). Die Mitte des Waldgebietes ist das Klausenbachtal. Dort, wo sich dessen zwei Quelltäler vereinigen, lag der Zinken „in der Klüsen". Diese Klüse war keine Einsiedelei, sondern ein aus Stämmen gezimmerter Kanal zum Abwärtsschleusen der gefällten Holzstämme, der bis ins Nordrachtal hinunterzog. In der Nordrach wurden dann die Gestöre (= kleine Bachflöße) zusammengebaut, und fort ging's nach Gengenbach. Nördlich von der Klüse breitete sich der jüngste Weiler, Neuglashütten, aus. Nordwestlich von der Klüse war der Weiler Buchwald, südlich von diesem Sehrers Rodung „im Moß" und schließlich noch weiter gegen Nordwesten die Hofgruppe Keßhammer.
Jeder Siedler hatte einen Hof mit Hofraite, Garten, einigem zahmen Feld, Weiden, Reutbösch und eine gewisse Waldnutzung. Zum zahmen Feld gehörte auch die Kornebene.
Alle in den heutigen Karten eingetragenen Bezeichnungen, nur ohne die Gipfelnamen, waren damals schon vorhanden und finden sich auf dem Plan: die Geißschleife (gegen die Nordgrenze), die neuen Wäld (östlich vom Vorigen), der Glaswald bei Neuglashütten, der Lichterbühl bei der Steig, beim Forsthaus, bei der Salpeterhütte (in der Nähe der Fabrik), die Blechtannenmatten (bei Altglashütten), das Taubengut Höfersberg, Schäffers Berg (die drei letzten im östlichen Teil).
Die Bodenaufteilung lehrt uns folgende Zusammenstellung:

1. zahme Felder 536 Jauchert,
2. gute und schlechte Reuten und Weidefelder 880 Jauchert,
3. vollkommene Waldungen 684 Jauchert
zusammen 2100 Jauchert.

Ein Jauchert wurde in zwei Morgen unterteilt. Wenn wir das badische Maß von 36 ar für den Morgen einsetzen, ergäbe die Umrechnung etwa 15 qkm. Dagegen gibt der Oberschaffner Scheffel 1802 in seinem ausführlichen Bericht über das Moosterritorium „mindestens 3000 Jauchert durch Vernachlässigung ziemlich verödete Waldungen" an.
Über den Planfertiger fehlt auf der Karte im Forsthaus jegliche Andeutung; es war also wohl ein Conventuale. Für die Lateinschule gab es stets auch Professoren der Mathematik. Einem solchen müssen wir den Plan zuschreiben.
Uns heutige Menschen überrascht es sehr, in über 700 m Höhe so viele seßhafte Bewohner zu finden. Und doch waren einige von den erwähnten Orten - nämlich Altglashütten, Schäfersfeld, Mitteleck, Hilseck, die Klüse und Buchwald - bis ins 19. Jahrhundert bewohnt.
1803 wurde auch die Moos badisch. Die Lebensverhältnisse der Bewohner dieses Moosterritoriums verschlechterten sich dann allerdings gegen die Mitte des letzten Jahrhunderts. Die Leute wurden daher vom badischen Staat aufgefordert, sich anderswo niederzulassen. Allein mit allen Fasern ihres Herzens hingen sie an der ererbten Scholle ihrer Heimat. Leider waren sie unbelehrbare Wilderer und Holzfrevler in ihrer Abgelegenheit, weswegen schließlich die Räumung von Amts wegen angeordnet wurde. 1852 schickte die Regierung alle noch dort wohnenden Siedler auf Staatskosten nach Amerika.
Einige Grundmauern, die sich erhalten haben, sowie auch die alten Namen als bloße Flurnamen erinnern heute noch an jene zähen Höhenbewohner. Die Moos wurde darauf wieder ein gewaltiger, geschlossener Staatsforst ohne ein einziges bewohntes Haus. In diese nunmehr reinen Nadelwälder sind Laubhölzer nur ganz vereinzelt eingesprenkelt.
Als ein beliebtes Wanderziel und als ein Gebiet großer Naturschönheit wurde die Moos erst im 19. Jahrhundert erkannt und erschlossen, hauptsächlich nach Gründung des Schwarzwaldvereins. Auf dem Mooskopf (871 m) hat der Schwarzwaldverein den bekannten Aussichtsturm erbaut, von dessen Plattform aus wir jenen weiten und großartigen Rundblick haben, den schon der Dichter Christoph von Grimmeishausen im 17. Jahrhundert in unübertrefflichen Worten geschildert hat: „Ich wohnete auf einem hohen Gebürg / die Moß genannt / so ein Stück vom Schwartzwald und liberal mit einem finstern Dannenwald überwachsen ist / von demselben hatte ich ein schönes Aussehen (Aussicht) gegen Aufgang in das Oppenauer Thal und dessen NebenZincken / gegen Mittag in das Kintziger Thal und die Graffschaft Geroltzeck / allwo dasselbe hohe Schloß zwischen seinen benachbarten Bergen das Ansehen hat wie der König in einem auffgesetzten KegelSpil / gegen Niedergang konte ich das ober- und unter Elsaß übersehen und gegen Mitternacht der nidern Markggraffschaft Baden zu / den Rheinstrom hinunter / in welcher Gegend die Stadt Straßburg mit ihrem hohen Münster-Thurn gleichsam wie das Hertz / mitten mit einem Leib beschlossen / hervor pranget."