Stadt  >  Geschichte  >  Die Abtei
Die Abtei
Ein Kloster hat natürlich zunächst seine religiöse Hauptaufgabe einer vertieften Gottesverehrung und Selbstheiligung. Im 11. Jahrhundert ergriff die religiöse Be-geisterung des Abendlandes auch die Lande um den Rhein. Am erfolgreichsten riefen die Hirsauer Mönche die Menschen auf zu einem innigen religiösen Leben. Ein Hirsauer wurde Gengenbacher Abt und führte die Reform auch hier durch. Im klösterlichen Leben gab es dadurch einschneidende Änderungen. Nur noch die durch die Gelübde zur engeren Klostergemeinschaft gehörigen Laienbrüder durften von da an im Kloster selbst wohnen. Das rein weltliche Gesinde, besonders die Verheirateten, wurden außerhalb des Klosters angesiedelt.
Gegen Ende des 11. Jahrhunderts schlug der sogenannte Investiturstreit zwischen den Anhängern des Kaisers und des Papstes Wellen bis nach Gengenbach. Der Kaiser setzte hier einen kaiserlichen Abt ein, was vielerlei Wirren hervorrief. Die unzusammenhängenden Nachrichten aus jener Zeit sind für uns nicht mehr völlig zu durchschauen. Aber der Aufschwung des religiösen Lebens setzte sich auch durch das 12. Jahrhundert fort. Damals zog der heilige Bernhard von Clairvaux durch unser Gebiet und entfachte eine unvorstellbare Kreuzzugsbegeisterung, und mancher der damaligen Bewohner folgte seinem Ruf ins Heilige Land.
Als wichtigste Aufgabe der Rodungs- und Ausbauzeit betrachteten die Mönche als Benediktiner, für die religiöse Betreuung der neuen Bewohner zu sorgen. Die Gengenbacher Leutkirche wurde die erste Pfarrkirche in der Klosterherrschaft. Sie wurde nördlich vom Klosterbezirk im erstbesiedelten Gebiet errichtet und dem fränkischen Nationalheiligen Martin geweiht. Von der Abtei wurde noch eine ganze Anzahl Pfarreien und selbständige Seelsorgestationen gegründet. Die St. Jakobskapelle auf dem Kastelberg, natürlich ebenfalls eine Gengenbacher Gründung, war schon 1287 bevorrechtet und eine Wallfahrtsstätte nach dem Vorbild der berühmten spanischen Urkirche San Jago de Compostella.
Die Aufgabe der benediktinischen Innenmission war stets im Kloster lebendig. Die Dotierung der selbständigen Seelsorgestellen war reichlich, so daß sie von Weltgeistlichen sehr begehrt waren. Vom Papst, vom Bischof, ja sogar vom Kaiser wurden Bewerber vorgeschlagen und meist, wenn auch unter Seufzen, angenom-men. Die finanzielle Notlage des Klosters versuchten die geistlichen Oberen dadurch zu erleichtern, daß sie erlaubten, neun Klosterpfarreien mit Mönchen zu besetzen. Was an Einkünften über den Unterhalt des Fraters (die Benediktiner nannten sich früher Frater) hinausging, wurde zur Schuldentilgung verwendet.
Das Verhältnis zum Weltklerus war fast in allen Fällen gut. In vielen Pfarrbezirken der Nachbarschaft war das Kloster sowieso der Eigenkirchenherr. Daher konnten die Gläubigen, wenn sie wollten, ohne Schwierigkeiten Stiftungen ans Kloster geben oder ihr Begräbnis beim Kloster wählen.
Gegenüber dem Diözesanbischof von Straßburg befand sich der Abt in einer stark abhängigen Stellung. Erst am Ende des 13. Jahrhunderts bekam der Abt die Weihebefugnis für die kleinen Gegenstände des Gottesdienstes und der Seelsorge mit Ausnahme des Chrisam-Öls. Von Fall zu Fall bekam er auch die erbetene Erlaubnis, Altäre weihen zu dürfen. Die Straßburger Weihbischöfe, die den rechtsrheinischen Teil der Diözese, in dem die Klosterherrschaft lag, verwalteten, bekamen zuweilen besondere Dankesbriefe und manchmal auch freigewordene Lehen vom Konvent übertragen, nicht nur als Dank für geleistete Dienste, sondern auch, um sie als geschätzte, sachverständige und erfahrene Ratgeber jederzeit in Anspruch nehmen zu können.

Die Lasten gegenüber dem Bistum waren allerdings sehr beträchtlich. Vom Zehnten erhielt der Bischof ein Viertel. Jeder neue Abt mußte vom Bischof in sein Amt eingewiesen und geweiht werden, wofür die stattliche Taxe von 440 Pfund Pfennige zu entrichten war. Diese waren kanonisch vorgeschrieben und wurden widerspruchslos bezahlt. Während und nach dem Dreißigjährigen Krieg versuchte die weltliche Bistumsverwaltung die Abtei im Umlageverfahren an ihren Reichsabgaben zu beteiligen, obwohl das Kloster als selbständiger Reichsstand schon seine eigenen Reichsabgaben abliefern mußte. Aber selbst die hohen Fürsprecher, die sich der Abt erbat, hatten mit ihrem Widerspruch keinen Erfolg, und Gengenbach mußte auch weiterhin diese Doppelbesteuerung tragen.
Die allgemeine Lebensanweisung für die Benediktiner lautete: Bete und arbeite! Für dieses letztere gab es in Gengenbach viele Möglichkeiten für eine Tätigkeit, so daß jeder Mönch sich etwas Zusagendes auswählen konnte, wie beispielsweise den Unterricht und die Erziehung.
Die Gengenbacher Schule entstand aus der Notwendigkeit der religiösen Unterweisung der Jugend. Sie war eine kirchliche Einrichtung und seit Anbeginn mit der Abtei verbunden. Es gab ein zweigleisiges Schulsystem: eine Elementarschule und eine kirchliche Lateinschule für die Singknaben, den Klosternachwuchs und den Nachwuchs für die weltlichen Beamten der Klosterherrschaft. Die Kinder aus Gengenbach und der Abteiherrschaft durften auch die Lateinschule - und zwar unentgeltlich - besuchen. Im 18. Jahrhundert hieß sie Schola Philosophiae. Die Schulhoheit hatte der Abt. Dieser, später Abt und Rat gemeinsam, ernannte den Schulmeister der Elementarschule, der die notwendigen Helfer einstellte. Die Schule befand sich innerhalb der Abtei. Der Klosterkantor war zugleich der Verwalter der Schulen und dort Lehrer.
Zu den Schöpfungen des Klosters in seinen ersten Jahrhunderten gehörte eine berühmte Schreibschule. Es gab einen „Briefer" unter den freien Knechten, der nicht nur die Ziegenhäute zum Beschreiben herzurichten hatte, sondern auch selbst die Schreib- und Verzierkunst beherrschen mußte. Die Bücher wurden in eigener Werkstatt hergestellt.
Was nun die eigentliche Wissenschaft betraf, so wurde sie zwar auch hier von den Mönchen betrieben, doch konnte sich keine Tradition daraus entwickeln. Die Zahl der Mönche war zeitweilig zu gering, und immer mußte ein Teil von ihnen als praktische Seelsorger in die Klosterpfarreien gehen. Neben diesen existenznotwendigen Arbeiten konnte die Wissenschaft nur nebenher als Steckenpferd betrieben werden.
Dagegen gehörte es zu den näherliegenden Aufgaben, daß die Abtei beim Kloster ein Spital für Kranke und Alte einrichtete. Einer der Mönche war zuweilen auch Arzt, der seine Pillen und Tränke selbst herstellte. Als es im 18. Jahrhundert auch eine städtische Apotheke gab, gingen die Leute trotzdem lieber in die allmählich selbständig gewordene Klosterapotheke. 1334 erfahren wir zum ersten Mal den Namen eines Arztes: Konrad von Wangen. Er hatte das klösterliche Spitalamt, dem Einkünfte zugewiesen waren, zu betreuen, auch Spital- oder Gutleutschaffnerei genannt. Zu ihr gehörten die Kurien „vor Leutkirch" und „vor Einach". Überhaupt war die Beherbergung und Verpflegung der Pilger und sonstigen Besucher ein Anliegen des Klosters, das große finanzielle Anforderungen stellte. Im Haushalt war ein hoher Posten dafür ausgesetzt, dessen Verwaltung der Frater Gastmeister führte.
Was schließlich die Klosterkirche betraf, so haben die Mönche sie zur Zeit der Hirsauer Reform unter eigener Bauleitung erstellt. Sie hat aber nicht die Hirsauer Sonderformen. Es muß hier ein Baumeister mit eigenem Willen tätig gewesen sein.
Bei all diesen Arbeiten, Mühen und Pflichten aber stellte sich immer wieder heraus, daß am dringendsten doch die Mitarbeit bei der Verwaltung der Klosterherrschaft war, denn hier ging es um die Existenzgrundlage der Klostergemeinschaft. Sie reichte von Haslach im Kinzigtal bis fast an den Rhein. In der Rheinebene lagen noch viele, natürlich nicht immer zusammenhängende Grundherrschaften von Kippenheim bis Unzhurst bei Achern. Wie eine große Residenz war Gengenbach der wirtschaftliche, verwaltungsmäßige und - für die Nachbarschaft jedenfalls - der kulturelle Mittelpunkt für die Menschen dieses Gebietes.
Für diesen weitgedehnten Besitz war eine entsprechende Verwaltung notwendig. Die Kurien wurden nur von Laien verwaltet. Die weltliche Oberverwaltung befand sich in der Zentrale in Gengenbach: die sogenannte „Kanzlei", an ihrer Spitze Kanzleipräfekt und Oberschaffner. Sie waren zuweilen sehr überlastet, da mußten die Mönche mithelfen. Satzungsgemäß sollten Abt und Prior zusammen die Oberaufsicht haben. Aber sie waren noch mehr mit Aufgaben überhäuft. Zu ihrer Entlastung wurden die Ämter des Großkammerers und des Kleinkammerers geschaffen.
Kirchen- und staatsrechtlich vertrat der Abt nach außen den Klosterbesitz. Während er im rein kirchlich-religiösen Bereich selbständige, obrigkeitliche Anordnungsbefugnis hatte, durfte er über das Klostergut nicht allein verfügen. Wenn ein Rechtsgeschäft über Klosterbesitz, weltliche Klosterrechte oder sonstige Wirtschaftsfragen geplant wurde, mußte es zuerst im Konvent der Mönche mit dem Prior an der Spitze beraten und darüber abgestimmt werden. Prior und Konvent hatten ein eigenes Siegel; der Abt hatte ebenfalls eins und dazu noch das große Abteisiegel. Zu einer unanfechtbaren Urkunde über wirtschaftliche Angelegenheiten waren die Siegel beider Teile erforderlich. Die Klosterherrschaft wurde ein Reichsstand, und der Abt saß sowohl im Schwäbischen Kreise wie auch im Deutschen Reichstag auf der Fürstenbank. Um nach mancherlei kriegerischen Beschwerungen die wirtschaftliche Lage des Klosters zu erleichtern, erhoben die Könige Adolf von Nassau 1297 und Ludwig der Bayer 1331 eine Anzahl Kurien zu Freihöfen. Nicht nur der Hof, sondern ebenso alle Leute, die dort beamtet oder beschäftigt waren, wurden dadurch befreit von Steuern, Abgaben, Diensten und Leistungen an alle nichtklösterlichen Behörden, was natürlich als sehr angenehm empfunden wurde. Auch wurden die Höfe dadurch reichsrechtlich anerkannt als gerichtliche Freistätten bei Gefahr für Leib und Gut eines Verfolgten, ähnlich wie das Kloster selbst. Nur echte Dinghöfe wurden zu Freihöfen erklärt, nie bloße Zehnthöfe. Diese Freihöfe waren daher die wichtigsten Kurien der Abtei. Bei Gengenbach waren es die Kurien: Abtsberg, der Spitalhof vor Einach, Dantersbach, Beiern-Strohbach, Fußbach, Pfaffenbach, Schwärzenbach-Binzmatt und Reichenbach. Der Klosterbezirk sowie die außerhalb dieses Bezirks vom Kloster selbst bewirtschafteten Güter hatten schon früher die gleichen Rechte gehabt, also die Kurie vor Leutkirch, der Rebhof in Bermersbach usw. Allerdings hat König Ludwig eine Ablösungslast bestehen lassen: jede Kurie mußte an den königlichen Vogt auf Ortenberg 1 Pfund Pfeffer bezahlen, das heißt dessen jeweiligen Kaufswert. So hat man damals die Währungsschwankungen auszugleichen versucht.
Zu dem weltlichen Oberpersonal der Abtei in Gengenbach gehörten noch weitere fünf Beamtungen und die siebzehn Freiknechte, die alle mindestens Rügungs- und polizeiliche Befugnisse hatten. Sie wohnten in der Stadt und waren als Hoheitsträger besonders bevorrechtet. Die fünf Beamtungen waren: Schultheiß, Wassermeier, Oberbote, Bannwart und Mesner; die siebzehn Knechte: drei Fischer, je ein Rebmann, Koch, Schweiger, Schuster, Kürschner, Scherer, Pfister (= Bäcker), Gast¬meister, Briefer, Förster, Küfer, Wagenknecht, Keller, Knecht zu Prestenberg. Solche Stellen waren natürlich besonders begehrt.
Durch die Erschließung der Schwarzwaldtäler stieg die Nahrungserzeugung stark an, und der Marktwert sank entsprechend. Die Zivilisationsbedürfnisse da¬gegen stiegen im Preis: Kleidung, Waffen, Werkzeuge. Von den Abgaben waren die Gerichtsgebühren veränderlich und anpassungsfähig. Dagegen wachten die Grundstücksinhaber eifersüchtig darüber, daß die herkömmlichen grundherrlichen Zinse ja nicht erhöht wurden. Sie blieben tausend Jahre gleich, bis im 19. Jahr-hundert das Lehenswesen in andere Verwaltungsformen überging, vor allem durch die Einführung des modernen Steuerwesens.
Der Oberschaffner sollte jährlich über die Einnahmen und Ausgaben Rechnung ablegen, von denen einige erhalten blieben, zum Beispiel von 1555. Des Gottes-hauses jährlich Einkommen:

Geldwert:
In Geld = 340 Pfund Straßburger Pfenninge = 680 Gulden
Weizen = 491 Viertel = 2455 Gulden
Roggen = 600 Viertel = 2400 Gulden
Hafer = 886 Viertel = 2215 Gulden
Gerste = 7 Viertel = 21 Gulden
Kecht
(Mischung von
Bohnen u. Linsen)= 6 Viertel = 12 Gulden
Nuß = 17 Viertel = 61 Gulden
Kapaune = 206 Stück = 61 Gulden
Hühner = 70 Stück = 14 Gulden
Zusammen = 7920 Gulden

Hier taucht die aus dem Süden stammende Gerste auf. Sie mag nach umfangreichen Auswinterungsschäden als reine Sommerfrucht nachgesät worden sein. Da die in der obigen Liste angeführten 7 Viertel Zehntfrüchte waren, kann man auf den Umfang des damaligen Anbaus schließen. Allmählich aber bürgerte sich der Gerstenbau ein: 1802 wurden 276 Viertel abgegeben. Gänzlich fehlt in den Einnahmen 1555 der Wein. Solche Fehlherbste gab es durchschnittlich alle fünf Jahre.
Während und nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde als Verlegenheitsfrucht, die von den Soldaten nicht geholt wurde, das Welschkorn angebaut und erhielt sich auch weiterhin. Der überraschend hohe Haferanbau dagegen ging später zurück, die Anbaufläche für Brotgetreide wurde vergrößert. Immerhin deutet der große Haferertrag auf ausgedehnte Pferdehaltung hin.
Der Weinertrag in dem sehr guten Weinjahr 1802 betrug 152 Fuder zu 25 Ohmen mit einem Marktwert von 6966 Gulden und war damit die zweite Haupteinnahmequelle im Haushalt der gesamten Abteiherrschaft, also nicht nur im Gengenbacher Raum. Um diese zu sichern, blieben die Rebhöfe bis zuletzt im Eigenbau der Abtei. Ihre Meier wurden nur auf Zeit und Bewährung berufen. Gerade dieser Posten war unglaublichen Ertragsschwankungen unterworfen. Außer mit zwei Fehlherbsten konnten sie innerhalb von zehn Jahren mit vier geringen und zwei bis drei überdurchschnittlichen Herbsterträgen rechnen, bei gleichbleibender Arbeitsleistung und gleichen Ausgaben. Daher blieben trotz allem die Einnahmen an Feldfrüchten bis zum Ende der Klosterzeit das feste Rückgrat des Gesamthaushalts. Doch fehlte es auch dabei nicht an schmerzlichen Ertragsschwankungen.
Für die Armen wurden allein in Gengenbach Naturalien im Wert von fast 1000 Gulden verwendet. Ebenso wurden sämtliche Zinskapaunen, 180 Hühner und 44 Viertel Eier den Armen zugedacht.
Wenn in einem Jahr das Herbsterträgnis ausfiel, gab es sofort eine Unterbilanz, die aus dem eventuellen vorjährigen Überschuß gedeckt werden mußte, oft freilich durch Aufnahme von Schulden. Der Alarmruf „drückende Schulden" taucht seit 1300 in allen Variationen auf. Die Wiederherstellung der verfallenden oder in Fehden verwüsteten und verbrannten Gebäude, Kurien, Kirchen, die Besoldung der weltlichen Klosterbeamten, der Wechsel und die Bestätigung der Äbte, die Reichs-, Kreis- und bischöflichen Umlagen und Abgaben usw. verursachten sehr hohe Kosten. Es war eine gewaltige Aufgabe für die Abtei, solche Lasten zu meistern, und zwar, wie man stets bedenken muß, neben ihrer religiösen Hauptaufgabe.
Da mußte das Kloster selbst auf Abhilfe bedacht sein, und innerhalb seiner Möglichkeiten lag eine zeitgemäße Verwertung der eigenen Wälder besonders nahe. Im Umkreis von Gengenbach hatte sich die Abtei die Nutzung an folgenden Forstwaldungen vorbehalten: im Hüttersbach, in der Winterhalde, im Gengenbach (heute Altes Gengenbach), im Strohbach und auf der Moos, für die eine Säge errichtet wurde. Im 15. Jahrhundert wurde in Mitteleck für den Mooswald noch eine zweite Sägemühle erstellt. Die Arbeit in diesen Sägen wurde um den Lohn ausgeführt. Wir besitzen dafür noch den genauen Lohntarif von 1400.
Als Verkehrsmittel für das Stammholz diente die Flößerei. Auch damit ging die Abtei beispielgebend voran (erstmals 1399 erwähnt). Es wurde geflößt vom Mitteleck über den Nordrach- und Harmersbach zur Kinzig bis Gengenbach. Hier wurde bei Brückenhäusern der Floßhafen angelegt, wo die größeren Kinzigflöße zusammengebaut wurden zur Fahrt an den Rhein. Die Floßgebühr für je hundert Stämme von Gengenbach bis an den Rhein betrug 16 Schilling Pfennige, von Mitteleck zum Rhein 1 Pfund 8 Schilling Pfennige. Aus allen Tälern ringsum wurde Floßholz nach Gengenbach geschafft. Zeitweilig wurden mehrjährige Holzhiebsätze im Mooswald an die sehr holzbedürftige Stadt Straßburg verpachtet. Im 18. Jahrhundert wurden für die Holznutzung in der abgelegenen Moos eine Glashütte und eine Blaufarbenfabrik angelegt.
Für die eigenen Bauten betrieb die Abtei auch Steinbrüche. Die Schottenhöfer und Mühlsteiner Bauern, die zu Feldarbeiten nicht herangezogen werden konnten, mußten die Stein- und im Herbst die Weinfuhren in der Fron ausführen. Vom Bergbau war schon die Rede. Im 18. Jahrhundert wurden im ganzen Herrschaftsbereich des Klosters Schürfungen auf Silber, Kupfer, Eisen u. a. vorgenommen, was aber in unserer Nachbarschaft nicht zu weiteren Bergbauversuchen führte.
Alle solche Unternehmungen zur finanziellen Erleichterung halfen zu Zeiten nicht, und so wurde manchmal unrentabler, entlegener Besitz verkauft. Am schwierigsten aber war immer die Bargeldbeschaffung. Da haben die Conventualen selbst wacker mitgeholfen. Sie gaben ihr Erbe dem Kloster oder vermittelten Darlehen. Ferner halfen die verwandten Klöster und Geistliche durch Geldleihe oder Schenkungen. Diese waren die nachsichtigsten Gläubiger, die bei Zahlungsverzug der Abtei nicht gleich die Pfänder angriffen, sondern die Zinsen ansammeln ließen. Auch bei zahlreichen Laien wurden kleine und große Darlehen aufgenommen.
In diesem Zusammenhang können wir eine wichtige volkswirtschaftliche Aufgabe, die sich freilich zwangsläufig ergab, nachweisen. Viele Klostermannen und -Untertanen halfen dem Kloster mit kleinen Beträgen aus. Welchen Umfang das angenommen hatte, beleuchtet ein Bericht von 1721, als eine Reichsuntersuchung über die finanzielle Notlage der Abtei stattfand. Das Kloster konnte seine Passivschulden nicht angeben. Daher mußten sie in der Nachbarschaft kundmachen, in der Stadt aber von Haus zu Haus umfragen: wer etwas ans Kloster zu fordern hätte, sollte es innerhalb acht Tagen anmelden. Da ergab sich zur allgemeinen Verblüffung eine Schuldensumme von fast 25 000 Gulden aus lauter kleinen Beträgen. Mit andern Worten, das Kloster wurde als Sparkasse von den kleinen und wohlhabenden Leuten benützt. Bei Bedarf wurde das geliehene Geld samt Zinsen zurückgefordert. Große Geldgeber ließen sich als Sicherheit Klostergüter verpfänden. Bei Zahlungsverzug konnte der Gläubiger die Gesamteinkünfte der Pfänder an sich nehmen ohne Rücksicht auf deren Höhe. Das aber konnte Verluste bringen, und so hat das Kloster solche Gläubiger immer zuerst befriedigt oder Zahlungsvergleiche mit ihnen geschlossen.
Man kann sich leicht ausdenken, daß es der einzelne Untertan noch viel schwerer hatte, in Notfällen Geld aufzunehmen, denn er konnte dem Geldmarkt meist keine marktgängige Sicherheit bieten. Nun, da versuchte man es eben beim Kloster. Gern oder ungern mußte daher die Abtei zu Zeiten als Geldverleiher in Erscheinung treten. Da waren die Stadtgemeinschaften Gengenbach und Zell, vor allem aber zahllose Einzelpersonen, kleine Leute, die sich beim Kloster zinsgünstiges Geld liehen. Die Rückzahlung ließ oft sehr lang auf sich warten, in einem großen Fall über hundert Jahre. Vieles mußte ins Kamin geschrieben werden. Über die fast unglaubliche Gesamthöhe der ausgeliehenen Gelder am Ende der Klosterzeit 1803 sind wir wahrhaft verblüfft: 52 000 Gulden, meist an kleine Leute geliehen. Von diesen hat der badische Staat als Nachfolgegläubiger trotz seiner harten Hilfsmittel das meiste nicht zurückbekommen können. Und so wird's auch früher gewesen sein. Es ist also nicht zuviel gesagt, wenn wir die Abtei die Bank oder Sparkasse der kleinen Leute genannt haben.
Alle Bewohner unserer Landschaft waren sogenannte Gotteshausleute, des Gotteshauses eigene Leute, Eigenleute, Leibfalleigene oder kurz Leibeigene der Abtei. Über alle hatte die Abtei das Schirmrecht und auch die Schirmpflicht. Alle gehörten vor die klösterlichen Gerichte in den zuständigen Kurien mit dem Berufungsgericht beim Abt in Gengenbach.
Die Abtei gewährte ihren Eigenleuten schon frühzeitig eine ziemliche Freizügigkeit in ihrem weiten Herrschaftsgebiet und in der Nachbarschaft, sofern Gegenseitigkeit gewährleistet war. Wer jedoch in andere Gebiete verzog, mußte 10 Prozent des Vermögens zahlen, sonst allgemein 4 Gulden 10 Kreuzer Abzugsgebühr und 3 Gulden Kanzleitaxe.
Bei den Bauern läßt sich kein einziger Freier nachweisen, der hier seßhaft geworden wäre, etwa weil er ein Gut geerbt oder gekauft hätte. Das ganze Land war grundsätzlich nur für Gotteshausleute zugänglich, und es herrschte dabei völlige Gleichheit im Personenstand. Der an sich immer noch vorhandene unfreie Stand war nicht weiter lästig, eben weil alle ohne Ausnahme unfrei waren.
Man muß allerdings bedenken, daß ein Freier schlechter gestellt war als der Einheimische, wenn er etwa durch Kauf oder Erbe in ein Gut eintreten wollte. Niemand konnte auf die Mitbenützung von Allmende, Weide, Wald, Markt und Wege verzichten, wenn er existieren wollte. Deshalb machten sich derartige Freie freiwillig zu Gotteshausleuten. Erst dadurch wurden sie mitberechtigt an den allgemeinen Nutzungen und genossen den gleichen Schutz wie die Alteingesessenen. Zum Ausgleich wurden solche ehedem Freie befreit von Dienstleistungen und Abgaben ans Gericht sowie von der Bezahlung der Empfangsgebühr bei Kauf und Verkauf.
Auf diese Weise wuchs in der Klosterherrschaft ein wohlhabender Hörigenstand heran. Aus der Gewohnheit, freigewordene Erbegüter usw. wieder an Gotteshausleute zu vergeben, wurde im späteren Mittelalter geschriebenes Recht, das in den Weistümern aufgezeichnet wurde. Verwundert liest man da, daß die Gotteshausleute neue Hofinhaber, die nicht Klosterleute waren, sogar mit Gewalt vom Hof vertreiben durften.
Wie stand es nun bei den Mönchen selbst um ihre Herkunft? In der langen Liste der Äbte und Mönche vermag ich nur zwei als von unbezweifelbar freier Herkunft nachzuweisen: Egenolf von Wartenberg genannt von Wildenstein, Abt von 1425 bis 1453, und einen Grafen von Dormentz, Prior um 1506. Alle andern Adeligen, bei denen wir den vollständigen Namen ermitteln können, waren von unfreier Herkunft. Während aber 1334 nur zwei Mönche das Adelsprädikat hatten, waren es 1506 fünf. Im Jahr 1525 bestand der Convent aus fünf Adeligen und vier Bürgerlichen.
Um die Mitte des 15. Jahrhunderts, als die Ritterschaft selbstbewußter wurde und sich organisatorisch enger zusammenschloß, suchte sie auch allenthalben ihren Lebensraum sicherzustellen. 1461 war eine starke Patrizier- und Adelsgruppe im Kloster, die den Beschluß faßte, daß künftig kein Nichtadeliger aufgenommen werden sollte, was aber kaum eine erkennbare Wirkung hatte. Auf Ansuchen mischte sich einmal sogar der Kaiser in diese Frage ein und schrieb 1504 dem Straßburger Bischof, er möge doch darauf achten, daß Abt Konrad nur Adelige ins Kloster aufnehme. Wie obige Zahlen beweisen, hatte auch dies nicht den gewünschten Erfolg. Es kommt ja in solch einem Fall darauf an, ob überhaupt genug adelige Bewerber vorhanden waren, und das war augenscheinlich niemals der Fall. Dagegen wurden die Äbte im 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts meist aus den adeligen Mönchen gewählt, mit Ausnahme von Bertold Venser aus Gengenbach und Conrad von Müllnheim. Gerade der Letztere wollte anscheinend den bürgerlich-bäuerlichen Teil im Convent stärken. Aber da trat ihm der Widerstand der selbstbewußten Adelsgruppe entgegen.
Die großen Mannlehen und dergleichen waren von ältesten Zeiten her, als noch der König der Eigenklosterherr war, dem niederen Landschaftsadel zugedacht. Wenn dies einmal außer acht gelassen wurde, griff der Adel zu den äußersten Mitteln, so etwa 1233 durch den Überfall auf das Kloster.
Die Abtei Gengenbach war also kein freiherrliches Kloster wie Reichenau. Aber im 15. und im Anfang des 16. Jahrhunderts bildete der niedere, unfreie Adel und die Patrizier im Convent eine starke Gruppe. Fast alle klösterlichen Dienstmannengeschlechter waren darunter vertreten.
Die Mönche sind in den älteren Klosterakten meist ohne ihren Herkunftsort verzeichnet. Deshalb ist es nicht möglich, den Anteil der Gengenbacher am Convent genau festzustellen. Obrecht Hegellin, zuletzt Großkammerer nach 1402, stammte aus einem Gengenbacher Patriziergeschlecht, aus dem die Abtei auch Schultheißen nahm. Das gleiche war der Fall bei der Patrizierfamilie Venser-Mangolt, die von 1418 bis 1424 den Abt Berthold V. stellte. Gengenbacher Bürger war 1404 der Conventuale Konrad Kirchheim. Der Pfarrer an der Martinskirche, Johann Dettlinger, 1485, war ein Gengenbacher Kind. Von den zwei Äbten, die aus Ohlsbach stammten, sprachen wir schon. Das ist alles, was sich vor dem Dreißigjährigen Krieg darüber ermitteln läßt. Erst danach sind Gengenbacher als Klosterinsassen genauer festzustellen.