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Das Ende der Reichsstadtherrlichkeit
Der letzte Gengenbacher Reichsschultheiß war Franz Anton von Rieneck. In seine Amtszeit (1786-1803) fällt die Zeit der staatlichen Umwälzungen, die Napoleon I. in Europa durchführte. Seine übermächtige Autorität gab ihm die Möglichkeit, zu verlangen, daß auch in Deutschland mit einem Schlag die in langer Entwicklung entstandene innerstaatliche Ordnung ohne Widerspruch geändert werde. Auf Grund des Friedensschlusses von Luneville (1801) mußte das gesamte deutsche Land auf dem linken Ufer des Rheins an Frankreich abgetreten werden. Die dadurch benachteiligten deutschen Fürsten sollten im übrigen Deutschland entschädigt werden. Um dies durchzuführen, mußte der deutsche Reichstag zu Regensburg 1803 den Entschädigungsplan Napoleons in allen Punkten annehmen. Dieser „Reichsdeputationshauptschluß" brachte der Markgrafschaft Baden eine Vergrößerung ihres Gebietes, die ungefähr das Zehnfache der eingebüßten linksrheinischen, ehemals badischen Herrschaften betrug, denn Baden sollte einen Zuwachs an Vermögen sowie an Wehr- und Steuerpflichtigen erhalten. Zu den Entschädigungsländern gehörte nun auch der größte Teil der schon immer erstrebten Ortenau, darunter die Reichsabtei und die Reichsstadt Gengenbach. Schon bevor der Reichsdeputationshauptschluß als Reichsgesetz 1803 verkündet wurde, besetzte Baden diese Gebiete durch den Mahlberger Landvogt von Roggenbach und bestimmte „eine provisorische Regierungskommission für die Lande zwischen Schutter und Acher", der außer dem Staatsvertreter Geheimen Hofrat Stösser nur noch zwei Gengenbacher angehörten, nämlich der Reichsschultheiß von Rieneck und der Stadtsyndikus Stebel. Sie mußten schon im voraus die Einzelheiten der verwaltungsmäßigen Überleitung in den neuen Staatsverband festlegen.
Früher schon hatte nämlich von Roggenbach seiner Regierung einen Geheimbericht mit allen für die Regierung wissenswerten Angaben über die neuen Gebiete zugeleitet, der für die Gengenbacher besonders schmeichelhaft war: „Die Einkünfte, die bisher gut verwaltet worden sind, sollen sich im Durchschnitt auf 18 000 Gulden jährlich belaufen. Die Beantwortung der vorgelegten Fragen scheint mir ganz erschöpfend zu sein, und ich muß den Verfasser derselben, den Stadtsyndikus Stebel, der ein sehr guter Jurist und vollkommener Geschäftsmann ist, höchster Gnade umso mehr empfehlen, als er über alle Verhältnisse in dieser Gegend die beste Auskunft erteilen kann und als badisches Landeskind die größte Anhänglichkeit bewiesen hat.
Der Reichsschultheiß von Rieneck gibt sich zwar mit rechtlichen Geschäften nicht ab (?). Er hat aber neben der Geschäftskenntnis einen sehr guten mündlichen Vortrag, und ungeachtet er ein sehr vermöglicher Mann sein soll und weder Frau noch Kinder hat, so wünschte ich doch sehr, daß Höchstdieselbe die Gnade haben möchten, denselben bei eintretender Veränderung auf die eine oder andere Art zu bedenken, daß sein Ansehen nicht zu sehr darunter leidet."
Durch dieses Lob wurde Stebel 1803 ins Hofratskollegium berufen, Rieneck mit dem Titel Geheimer Hofrat pensioniert. Er starb aber schon am 3. August 1806. Nur Scheffel ging bei dem damaligen Titelsegen leer aus.
Der Übergang an Baden war für Gengenbach besonders bitter, weil es nicht nur die langgewohnte Selbständigkeit einbüßte, sondern außerdem noch seine alte, demokratische Verfassung mit einer monarchischen Regierung in plötzlichem Wechsel tauschen mußte. Die neue Untertänigkeit wirkte sich in der Verwaltung bis in letzte Kleinigkeiten schmerzlich aus, wovon man sich im Städtchen vorher kaum die richtige Vorstellung gemacht hatte. Der Verlust aller Hoheits- und Gerichtsrechte seit 1808, die Abtrennung aller Landstäbe und die plötzliche Beschränkung auf ein winziges Stadtgebiet traf die Gengenbacher nicht nur in ihrem Selbstbewußtsein, sondern vernichtete das bisher so schön ausgewogene Wirtschaftsgefüge und die Finanzen der Stadt. Nur der Weiler Brückenhäuser kam als einziger zur Stadt.
Auch das Lehenswesen, unter dem unsere Ahnen 1000 Jahre gelebt hatten, wurde jetzt in andere Lebensformen übergeführt. Nach langwierigen Verhandlungen mit den Betroffenen wurden die einzelnen Formen der Dienste und Lasten, aber auch die Nutzungsrechte abgelöst. Geblieben sind nur die Allmenden und das Bürgerrecht mit dem Bürgernutzen bis in die Gegenwart.