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Besiedlung des Haiger- und Ohlsbachtals
Schon beim Oberdorf ist die Siedlungsart der Abtei zu erkennen. Am Ausgang der Tälchen auf den Ausläufern der Lößhügel oder des Berglandes erstand eine lockere Anhäufung von Bauernhäusern auf hochwassersicherem Gelände. Im Oberdorf kann man heute noch unschwer die alten Bauernhäuser herausdeuten. Es sind jetzt die stattlichsten; sie liegen in respektvoller Entfernung vom Bach. Dazu gehörte Rodungsland gegen das Kinzigtal und in der nahen Talaue zur Bebauung geeignetes Gelände. Auch dieses mußte natürlich zunächst vom Wildwuchs befreit werden. Das benützte Auenland haben wir uns anfangs als Wiesenland oder Weide vorzustellen, da dort ständig mit Überschwemmungen gerechnet werden mußte. Sofort aber begann die Arbeit an der Höherlegung der Oberfläche, die selbst heute noch nicht abgeschlossen ist. Von den Lößabhängen ausgehend wurde im Winter das tiefliegende Land durch Aufschüttungen allmählich höher gelegt, um das vor den regelmäßigen Hochwässern sichere Anbaugebiet zu vergrößern und es zugleich zu Garten- oder Ackerland herzurichten. Die heutigen Grenzen des Ackerlandes zeigen deutlich die künstliche Höherlegung.
In ähnlicher Weise rodete die Abtei am Talausgang des Reichenbaches. Der älteste Wohnbezirk der Kurie Reichenbach-Hub (erstmals 1287) lag rings um die Kirche St. Peter. In die Talaue streckte sich westlich des Reichenbachs ein aus Löß bestehender, hochwasserfreier Landrücken. Er erwies sich als bebauungsfähig und leicht rodbar. Deshalb wurde dort später der Weiler Herg angelegt. Er wurde entweder durch Katastrophenwasser oder durch Kriegseinwirkung später vernichtet und nicht wieder aufgebaut. Der Flurname „auf der Herg“ ist heute die letzte Erinnerung daran. Das alte Straßennetz blieb dort erhalten. In jener Gegend ist in den letzen Jahren von der Landstraße ausgehend eine kleine Dorfrandsiedlung entstanden. Genau wie bei Reichenbach-Hub wurde am Ausgang des Ohlsbachtales der Kurienbezirk Ohlsbach-Hub geschaffen. Auch er war 1139 noch nicht vorhanden, 1287 urkundlich erstmals zu belegen.
Von den bis jetzt genannten Kurien aus wurde im Laufe der Zeit das untere Kinzigtal für die menschliche Ernährung, das heißt: für Ackerland erobert, eine schöne Leistung unserer Vorfahren. Das heutige Wiesengelände in der eigentlichen Talaue muß man sich damals zum großen Teil von den Wasserläufen der Kinzig erfüllt denken.
Die drei Kurien wurden auch die Ausgangspunkte für die weitere Erschließung des dahinterliegenden Berglandes. Zuerst hat man besonders in der Nähe von Gengenbach das Gelände auf Siedlungsfähigkeit erforscht. Nachdem diejenigen Gebiete, die für die leichtere Hubenwirtschaft verwendbar gemacht werden konnten, kolonisiert waren, ging man daran, die etwas schwierigeren Verhältnisse im Bergland zu untersuchen und dort Höfe anzusetzen. Die erste Bergsiedlung ging von der Kurie Geißhaut aus. Das mittlere Haiger-Gebiet wurde mit den typsichen Berghöfen besetzt, wie wir sie heute noch sehen. Die Siedler wurden zur Geißenhaltung verpflichtet. Sie standen unter einem bevorzugten Recht, das mit der Ablieferung des begehrten Schreibstoffes zusammenhing. Die „Geißenhautleute“ blieben stets in einem geschlossenen Verband, „das alte Gut“ genannt. 1275 lesen wir diesen Namen zum erstenmal als verwaltungsrechtlichen Begriff. Zum alten Gut gehörte auch der Forstwald „die hintere oder innere Winterhalde“. In diesem Klosterforst durften auch später nur die Geißenhautleute bestimmte Hölzer hauen, nämlich Hainbuchen, Ahorne, Eschen, Haselnuß und Weiden, die andern waren dem Kloster vorbehalten. Die Forsthoheit mit Gebot und Verbot und die Forstverwaltung ließ das Kloster durch einen Förster ausüben, der zu den 17 bevorrechteten Klosterknechten gehörte. Er mußte in einem der Häuser wohnen, die die Geißenhäute gaben, damit die Leute wußten, wo sie ihre Holzzettel lösen sollten.
In die Geißenhauthäuser mußte der Abt auch dreimal im Jahr für das Kirchspiel Gengenbach seinen Weinbann legen. Natürlich hatten sie dabei ihren Vorteil und eine Einnahme. Aus solchen Verkaufsstellen entwickelten sich die alten Herbergen „Adler“ und „Sonne“ zu Gasthäusern. Ebenso gehörte zum Geißenhautrecht die alte Fronmühle im Oberdorf. Sie mußte zuerst und sofort die Geißenhautleute bedienen, sonst hatte jeder das Recht, das fremde Korn wegzunehmen. Zur Geißhaut zinsten die wichtigsten Häuser der Stadt, zum Beispiel des Kaufhaus, „Adler“ und „Sonne“, die Großmühle, die Badstube, der Schutterer Hof u. a. Das Kammerhaus, das heißt der Abgabenspeicher für den Dinghof Heidinger-Geißhaut, befand sich an der Sommerhalde. Die Geißhautleute hatten auch einen eigenen Heimburgen.
Im unteren Haiger mündete ein längeres Seitental (3 km lang), das Pfaffenbachtal, das sich bis zum Pfaffenbacher Eck hinaufzieht. Um 1300 wurde auch hier eine geschlossene Rodung angelegt, die nach dem ersten Meister (Meier) den Namen Nüschenrüti erhielt. Der Name gehört der jüngeren Namensschicht an, hat sich jedoch nicht durchgesetzt, das ältere Pfaffenbach verdrängte ihn später wieder. Hier wurde eine andere Rodungsgeometrie angewendet. In der Gengenbacher Grundherrschaft reichten die Höfe nur bis zur Höhe des Berggrates, auf der Nordseite des Pfaffenbachs aber noch ein gutes Stück darüber hinaus. Außerdem gehörte am Talausgang im Haiger auch die andere Talseite zur Kurie Pfaffenbach, was ebenso ungewöhnlich war. Ob dies eine besondere Ursache hatte, wissen wir leider nicht. Der Berg zwischen Pfaffenbachtal und dem oberen Haiger wurde damals Kupferbühl genannt, doch findet man kupferhaltige Mineralien erst im hinteren Teil des Tales. Der ganze Talzug ist vom Pfaffenbach an immer noch 4,5 km lang.
Das geräumige Hintertal wurde nun ebenfalls in jener Zeit gerodet und besiedelt mit einer Bergmannssiedlung, für die die Kapelle St. Michael errichtet wurde. Auch die Bergwerkshoheit gehörte dem Kloster, welches das Schürfrecht weiter verlieh. Die letzte Erinnerung ist der Grubenname „Im alten Gengenbach", jetzt Flurname. Zum Dinghofbezirk Pfaffenbach zählten alle Güter im Pfaffenbach selbst, ferner das ganze untere Haigerachtal bis nach Gengenbach mit Ausnahme aller älteren Güter, die die Geißhäute gaben. Zur Kurie Heidinger gehörte außer dem Geißhautverband noch das gesamte hintere Haigertal.
Von der Kurie Reichenbach-Hub aus wurden die drei langen Quelltäler des Reichenbachs: Schwärzenbach, Mittelbach und Hinterstenbach mit Berghöfen besiedelt. Aus einem Lesefehler des alten Namens entstand der spätere Name Sondersbach für Hinterstenbach. Die Kurie hieß dann einfach Kurie Reichenbach.
Ähnlich verlief die Erschließung des langen Ohlsbachtales. Das Gebiet der zweiten Rodungsstufe hieß Ohlsbach-Forst, wurde auch von der Kurie „Ohlsbach" ver-waltet.
Erst verhältnismäßig spät entstand die letzte Rodung nördlich von Gengenbach. 1331 treffen wir nämlich erstmals eine Kurie „Schwärzenbach" in der Binzmatt an, die nichts zu tun hat mit dem gleichnamigen Quelltal im hinteren Reichenbach. Die Kuriengebäude standen am Ausgang des Tälchens, wo heute noch eine Gruppe von selbständigen Bauernhäusern steht. Während und nach dem Dreißigjährigen Krieg war die Kurieneigenschaft in Vergessenheit geraten. Ein Inhaber verkaufte sie als Eigentum, worauf die Stadt den Kurienbezirk sofort der städtischen Gerichtsbarkeit, den Umlagen, sonstigen Abgaben und Diensten unterwarf. Erst um 1680 wurde die Entfremdung vom Kloster durch Nachforschung bemerkt. Aber die Stadt verweigerte die Herausgabe. Um die schöne Eintracht zwischen Kloster und Stadt nicht zu trüben, gab sich das Kloster mit einer neuen Vereinbarung zufrieden. Die Kurie sollte als erloschen gelten. Sie wurde ein gewöhnlicher Pachthof, der dem Kloster gleichwohl einen höheren Ertrag brachte. Die ganze flache Talmulde der Binzmatt gehörte zu dieser ehemaligen Kurie, wo heute zwei größere und einige kleinere Höfe, das Rebgut Lang und am Talausgang die neue Stadtrandsiedlung Binzmatt stehen.